Vierzehnter Vortrag

GA 181/1918-05-21/p033 ·1918-05-21 · original (original)
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Geisteswissenschaft, sagte ich -— und damit knüpfe ich an den Anfang der heutigen Betrachtung wieder an -, hat eigentlich innerhalb unserer Bewegung herzlich wenig erreicht. Und doch ist sie nicht aussichtslos. Das merkt man bei vielen Gelegenheiten. Man merkt es am besten dann, wenn der Fall eintritt —- und der ist in den letzten Jahren nicht selten eingetreten —, daß jüngere Menschen, die gerade in den Universitätsstudien stehen, herankommen, um irgend etwas ‚zu finden, was ihre besonderen Studien an die Geisteswissenschaft anknüpfen kann. Die jungen Leute, die heute Lebensanfänger sind, fühlen aus ihren Wissenschaften heraus, daß jede Wissenschaft übergeleitet werden kann in Geisteswissenschaft. Das werden vielleicht die fruchtbarsten Keime, die sich da ergeben könnten; denn man müßte die Dinge ernst nehmen. Aber die Schwierigkeiten ergeben sich sogleich, wenn nun diese jungen Leute mit dem, was sie von der Geisteswissenschaft in ihre Studien hineintragen wollen und was durchaus sachlich hineingetragen werden könnte, zum Beispiel eine Doktordissertation schreiben wollen. Die bringen sie nicht durch; sie können nicht realisieren, was sie wollen. Geisteswissenschaft.ist im Grunde genommen sachlich etwas sehr Aussichtsvolles, aber man hält die Leute ab, zwingt sie weg davon. Auch das muß man im vollsten Sinne des Wortes einsehen. Ich weiß einen Fall - es ist schon lange her, so daß ich es erzählen kann; die allerletzten Fälle der Gegenwart würden sich dazu nicht schicken -, wo hier in Berlin eine Doktordissertation eingereicht worden ist, in der keine andere Sünde zu finden war, als daß mein Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» erwähnt war. Es war eine philosophische, nicht eine theologische Dissertation. Der Betreffende sagte: Was soll ich nun tun? Paulsen nimmt es nicht, er erklärte: Das können Sie nicht machen, daß Sie hier Steiner anführen. — Ich konnte dem Betreffenden nur antworten: Gehen Sie nach Münster, machen Sie Ihr Rigorosum bei Gideon Spicker,; da geht es vielleicht. — Es ging auch. Man muß die Dinge in ihrer Wirklichkeit betrachten, muß ins einzelne hineinschauen. Die Gesichtspunkte, die heute entwickelt werden, wenn einer seinen Lebensweg auf einem akademischen Untergrund aufzubauen sucht, sind ja zuweilen höchst merkwürdige. So erzählte mir einmal ein angehender Privatdozent - der allerdings auf eine Weise über diese Klippe hinweggekommen ist, die Sie gleich hören werden -, daß er es durch das geworden ist, was er mir selbst in folgender Weise erzählte: Er hatte eine ästhetische Abhandlung geschrieben über die Werke eines Dichters - ich will ihn nicht nennen, sonst könnte man die Sache durch irgendwelche Hilfsmittel erraten -; dann hatte er eine Abhandlung über Schopenhauer geschrieben und außerdem eine Doktordissertation selbstverständlich. Nun wollte er Privatdozent werden. Er ging an der entsprechenden Universität zu dem betreffenden Professor, der ihn gut leiden mochte und ihn für einen sehr befähigten Menschen hielt, und er glaubte, daß dieser Professor es auf eine leichte Weise bewirken könnte, daß er Privatdozent würde. Da sagte dieser Professor: Wissen Sie, das geht nicht; Sie haben jetzt eine Abhandlung geschrieben über einen Dichter, über eine ästhetische Frage. Aber dieser Dichter hat im 19. Jahrhundert gelebt. Das ist zu neu. Dann haben Sie über Schopenhauer geschrieben. Das kann von uns nicht als wissenschaftlich angesehen werden. — Der Betreffende sagte darauf: Was soll ich denn aber tun? — Und der Professor antwortete ihm: Nehmen Sie sich einmal irgendein älteres Bücherverzeichnis aus einem älteren Jahrhundert, und schlagen Sie sich einen möglichst unbekannten Ästhetiker auf, den kein Mensch kennt, und schreiben Sie das wird Ihnen sehr leicht werden, denn es gibt darüber keine Literatur, Sie brauchen nicht viel zu studieren -, schreiben Sie, was leicht zu schreiben ist, weil Sie ihn aus einem Bücherverzeichnis einfach auffinden. — Nun, dieser angehende Privatdozent nahm ein altes Bücherverzeichnis, schlug einen alten italienischen Ästhetiker auf, über den noch nichts geschrieben war, und verfaßte eine Abhandlung, die er als höchst ungenügend hielt, und die auch der als höchst ungenügend hielt, der sie zu beurteilen hatte. Aber sie war die genügende Unterlage, um Privatdozent zu werden!

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