Fünfzehnter Vortrag
Hier haben Sie ein Konkretes auf diesem Gebiete. Was die gewöhnliche Anatomie und Physiologie an der menschlichen Gestalt betrachtet, das betrachtet sie so, daß sie die Dinge nebeneinander hinstellt: Hier sind Kopf und Rumpf und Gliedmaßen in gleicher Weise eine Summe von Nerven und Blutgefäßen. Die übersinnliche Erkenntnis muß die Dinge auseinanderhalten; ihr sind die verschiedenen Gestaltenglieder verschiedenwertig. So sieht die gewöhnliche Anatomie und Physiologie unmittelbare Wirklichkeiten. Unsere Geisteswissenschaft sieht in der Hauptesgestalt das Bild von den Taten und Fühlungen der vorigen Inkarnation; sie sieht in der Ausatmung, wie sie sich bei jedem Menschen doch individuell gestaltet - denn jeder hat in dem Grade, wie sein Haupt differenziert ist, auch den Atmungsprozeß differenziert -— ein Bild der Kräfte, welche die Seele zwischen dem letzten Tode und der nächsten Geburt umspielten, und der Einatmungsprozeß ist ja ein Bild dessen, was die Seele umspielen wird an Kräften zwischen dem jetzigen Tode und der nächsten Geburt. Und in dem Extremitätenprozeß haben wir schon ein Bild vom nächsten Erdenleben. So wird in der Tat, wie im Traume das Tagesleben von Bildern durchwoben wird, das großartig ausgedehnte übersinnliche Leben, das sich dem schauenden Bewußtsein öffnet, von Bildern durchwoben. Aber diese Bilder sind unsere gegebene, im Tagwachen gegebene Wirklichkeit. Wir kommen also dazu, daß wir jede folgende Erscheinungswelt, angefangen vom schauenden Bewußtsein, auffinden als Bilder der nächsten Erscheinungen. Unsere prosaische Wirklichkeit ist Bild der übersinnlichen Wirklichkeit, und unsere Traumeswirklichkeit ist Bild der gewöhnlichen, im Alltagsleben erfaßten Wirklichkeit.
Cite:
GA 181/1918-06-25/p011 · edition original