Fünfzehnter Vortrag
Also wir träumen in unserer Brust nicht nur von dem, was wir zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt durchgemacht haben, wir schauen nicht nur in dieser Weise die Vergangenheit an, wir schauen auch auf das, was sie uns als Karma auferlegt, das unter unserem gewöhnlichen Bewußtsein durch die Funktion des Unterleibes von dem Ätherleibe wie vor einem geistigen Auge als vergangenes Karma geschaut wird. Und wir schauen nicht nur durch unser Extremitätenbewußtsein durch das Einatmen das, was verknüpft ist mit einer folgenden Inkarnation, sondern unser Ätherleib wird das Geistesauge, durch das wir auf eine für das gewöhnliche Leben unbewußte Art das werdende Karma anschauen. Es ist für den Menschen der Gegenwart nicht leicht, die Übungen seiner Seele so weit zu treiben, obwohl es durchaus für jeden Menschen nötig ist, daß er alles das wirklich anschaut, was ich jetzt geschildert habe. Es bietet gewisse Schwierigkeiten, über die Näheres in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt ist. Viel leichter ging das in der Zeit, die abgelaufenem Lebensalter der Erdenmenschheit entspricht. Denn auch das geschichtliche Leben ist differenzierter, als man denkt, und ein besonders wichtiger Punkt im geschichtlichen Leben der Menschheit, der auch in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» und in andern Schriften charakterisiert ist, ist der, als der vierte nachatlantische Kulturzeitraum den dritten ablöste, als das begann, was wir die griechisch-lateinische Kultur nennen. Dieser Zeitraum ist der, in welchem es für die Kulturmenschheit so schwierig geworden ist, in diese Welten einzudringen, die ich jetzt geschildert habe. Vorher war es verhältnismäßig leichter, und die Orientalen haben sich etwas von dieser leichteren Natur zurückbehalten. Der Okzidentale hat es nicht, darum kann er auch nicht die Übungen machen, welche von den Orientalen geschildert werden, sondern nur diejenigen machen, die zum Beispiel in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind. Das Zeitalter, das mit dem 7., 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha eingetreten ist, ist schon dasjenige, in dem der Mensch mehr in die physische Welt herausgeworfen wurde. Es wird ein anderes Zeitalter wieder kommen -— ungefähr das 3. Jahrtausend wird der deutliche Beginn dieses Zeitalters sein -, und das muß vorbereitet sein. Da wird etwas Unbestimmtes aus der Menschennatur in jeder Seele auftreten; man wird es nicht deuten können, wenn man es nicht mit der Geheimwissenschaft kann, wenn man ihm nicht mit Geisteswissenschaft entgegenkommt. Es ist wirklich nicht bloß ein subjektives Ideal oder eine subjektive Tendenz, was die Geisteswissenschaft für das nächste Jahrtausend vorbereiten und begründen muß, sondern es entspricht einer Notwendigkeit in der Menschheitsentwickelung. Die Mitte des 3. Jahrtausends wird ein bedeutungsvoller Einschnitt in der Kulturentwickelung sein, weil dann der Zeitpunkt kommt, wo die Menschennatur so weit sein wird, daß sie ungesund reagieren wird, wenn die Menschen bis dahin nicht die Anschauung von den wiederholten Erdenleben und vom Karma in sich aufnehmen, die in der Zeit seit dem 7., 8. vorchristlichen Jahrhundert verlorengegangen ist. Vorher hat die Menschennatur gesund reagiert, da ging das Wissen selbst aus ihr hervor. Nachher wird sie krankhaft erscheinen, wenn die Menschen ihr nicht die Lehre entgegenbrächten. Wir verstehen unser Zeitalter nur, wenn wir dies ins Auge fassen, daß wir zwischen zwei Polen eingeschlossen sind. Der eine liegt zurück hinter dem 7., 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha. Das war die Zeit, wo die Menschennatur selbst das Wissen von den übersinnlichen Erlebnissen der Menschenseele hergab. Der andere Pol wird das 3. Jahrtausend sein, wo die Menschenseele aus sich heraus auf eben die Art, wie es in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist, das übersinnliche Wissen sich auf geistige Art erwerben muß, damit der Körper, in den dann die Gesundheit hineinstrahlen muß, nicht mit der Krankheit reagiert. Man versteht unser Zeitalter in seinen äußeren und inneren Erscheinungen nur, wenn man dies ins Auge fassen kann. Das entwickelt sich natürlich langsam und allmählich. Und für denjenigen Menschen, der nicht dumpf, wie schlafend die wichtigsten Dinge seines Zeitalters verträumen will, sondern der selbstbewußt, wachend leben will, für ihn geziemt es sich, in unserer Zeit schon darauf aufzumerken, was ins Leben herein will. In voller Art wird dies erst in der Mitte des 3. Jahrtausends hereinkommen. Aber nach und nach will es herein, und die Menschheit muß jetzt alles bewußt machen, muß bewußt vorbereiten, was da herein will. Man muß das Leben beobachten lernen; dann zeigt sich auch in den äußeren Erscheinungen — zunächst in den Erscheinungen des Menschenlebens - eine oberflächliche Anschauung, daß es wahr ist, was“ich jetzt gesagt habe. In der groben Gehirnentwickelung, die heute zumeist das Normale der Menschheit ist, geht ja nicht leicht dasjenige auf, was sinngemäß erworben werden muß, so wie wir es in der Geisteswissenschaft schildern. Aber ich möchte sagen: Auf tragische Weise sieht man gewissermaßen, was unbekannte Mächte - von denen ich im nächsten Vortrage sprechen werde — von der Menschheit eigentlich wollen. Es gibt in der Gegenwart gewisse krankhafte Naturen, deshalb sagte ich, auf tragische Weise; sie sind krankhaft für die Gegenwart; trotzdem kündigt sich an ihnen mancherlei an, was den Menschen in gesunden Tagen der Zukunft treffen wird.
Cite:
GA 181/1918-06-25/p022 · edition original