Fünfzehnter Vortrag

GA 181/1918-06-25/p023 ·1918-06-25 · original (original)
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Ich habe öfter den Namen eines sehr merkwürdigen Menschen der Gegenwart ausgesprochen, der wirklich in seinem Leben zwischen Gesundheit und Krankheit hin und her pendelte: Orzo Weininger, der das merkwürdige Buch «Geschlecht und Charakter» geschrieben hat. Es ist ja der ganze Weininger ein höchst merkwürdiger Mensch. Stellen Sie sich einen Menschen vor, der aus dem ersten Kapitel dieses genannten Buches im Anfang seiner Zwanzigerjahre seine Dissertation macht, dieses Buches, über das einzelne ebenso in Begeisterung gekommen sind, wie andere sich an ihm geärgert haben — beides nicht begründet, sondern etwas anderes, Objektives wäre vonnöten gewesen. Dann immer mehr und mehr ein ganz merkwürdiges Sich-Hineinleben in die in «Geschlecht und Charakter» angeschlagenen Probleme. Er macht dann eine Reise nach Italien, notiert seine Erlebnisse auf, und sieht ganz andere Dinge, als andere Menschen in Italien sehen. Ich muß bei vielem in diesem Italienischen Tagebuche Weiningers ganz Merkwürdiges sehen. Sie wissen, ich schildere manches, was man nur in Imaginationen schildern kann: aus der atlantischen Zeit, aus der lemurischen Zeit, und wie es ausgesehen hat in Zeiten, die heute nicht mehr mit dem äußeren, auch nicht mit dem historischen Bewußtsein zu verfolgen sind. Dabei muß man gewisse Vorstellungen und Begriffe gebrauchen, um das, was man so in Begriffen schildert, vor das menschliche Bewußtsein hinzustellen. Wenn ich nun die Notizen Weiningers lese, kommt mir manches vor wie eine gelungene, künstlerische Karikatur der Wahrheit. Es ist überhaupt dieses Weininger-Leben ein merkwürdiges. Dreiundzwanzig Jahre war er alt, da trifft ihn ein Gedanke, der ihn furchtbar hypnotisiert: daß er sich selbst morden müsse, weil er sonst einen andern morden müsse, der Gedanke, daß ein Mörder, ein Verbrecher in seiner Seele ruht. Eine Erscheinung, die man okkult sehr gut erklären kann. Dabei mischt sich in diesem Leben ein Großes, Exaktes gleich mit Koketterie. Er verläßt sein Elternhaus, nimmt sich ein Zimmer im Beethoven-Haus in Wien, bewohnt es eine Nacht, und am Morgen erschießt er sich.

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