Siebzehnter Vortrag
Daß auf diese Verhältnisse objektiv gesehen werden könne, so gesehen werden könne, daß man sie versteht, daß man Orientierung in ihnen hat, dazu eigentlich ist die mitteleuropäische Menschheit da. Die erfüllt nur dann ihre Aufgabe, wenn sie wirklich auf solche Verhältnisse hinsieht. Zu diesem Ziele aber muß sich die mitteleuropäische Menschheit wieder an das erinnern, was ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» eine vergessene Strömung des Gedankenlebens, des Geisteslebens genannt habe. Es ist schon sehr, sehr wichtig, daß das, was heute zum großen Teile vergessen ist, was als geistige Verständniskraft in bezug auf die ganze Welt einmal da war, gerade in Mitteleuropa wieder begriffen werde. Wer weiß heute, welches grandiose Verständnis für alle Menschheitskultur solche Persönlichkeiten aufgebracht haben, wie zum Beispiel Friedrich Schlegel eine ist? Wer weiß heute, welche tief bedeutsamen Einblicke in die Menschheitsentwickelung Geister aufgebracht haben wie Schelling, Flegel, Fichte? Man redet besonders heute viel von Fichte. Es ist unnötig zu erwähnen, daß die, welche am meisten von solchen Geistern reden, am wenigsten von ihnen verstehen. Und gar jene Belebung des Verständnisses, welche möglich wäre, wenn man im echten, wahren Sinne des Wortes von Goethes Geistesart durchdrungen wird! Dazu ist aber vieles notwendig. Es ist heute noch nicht einmal so bedeutsam zu erwähnen, daß schon heute zu Goethes Geistesart zurückgekehrt werden müßte, aber wichtig ist es, zu erwähnen, daß man uns in der Welt falsch beurteilt, wenn man den Anschein erweckt, daß wir von Goethes Geistesart nichts mehr haben. Die Verwandtschaft zum Beispiel unseres Dornacher Baues mit Goethes Geistesart — ich glaube nicht, daß viele Leute von dieser Sache etwas verstehen. Und dennoch wäre es nicht unwichtig.
Cite:
GA 181/1918-07-09/p016 · edition original