{"corpus":"steiner","locus":"GA 181/1918-07-09/p021","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sie werden vielleicht ein innerliches Lächeln darüber haben, daß der Kadi von Mosul, ein typischer Vertreter dieser Anschauung, diese Gesinnung äußern konnte. Aber der Geisteswissenschaft gegenüber wird, allerdings übertragen auf ein anderes Gebiet, diese Gesinnung auch gar sehr geltend gemacht. Diese «Kadis von Mosul» sind sehr verbreitet. Sie sagen immer wieder und wieder: Ach, es ist durchaus nicht notwendig, daß sich der Mensch in der geistigen Welt um etwas anderes kümmere als um das, was ihm das Vertrauen zu Gott gibt. Wie der Kadi von Mosul die äußere Naturwissenschaft abwies, so weisen innerhalb unserer Gegenden sehr viele Leute -— gerade offizielle Vertreter des Geisteslebens — die Geisteswissenschaft ab. Erst jetzt ist wieder ein Büchlein erschienen, worin man, obwohl es sonst sehr wohlwollend geschrieben ist, den schönen Satz lesen kann: Das sei das Schlimme an der Geisteswissenschaft, daß sie etwas wissen wolle über die geistige Welt, während die wahre Bedeutung des religiösen Lebens gerade darin beruht, daß man nichts wisse von der geistigen Welt, und doch eben das Vertrauen, das große Vertrauen habe, an das zu glauben, von dem man nichts wisse. — Das soll gerade das den Menschen so Auszeichnende sein, daß er sich gestehen kann: Ich weiß nichts, aber ich nehme dieses Göttliche an. - Man sieht heute noch nicht klar ein, was man aber sollte, daß dies mit Bezug auf die geistige Welt ganz genau dieselbe Anschauung ist, wie diejenige in bezug auf die physisch-sinnliche Welt und ihre Erkenntnis, welche den Kadi von Mosul auszeichnete, und über die Sie eben leise gelächelt haben. Aber das ist es ja gerade, worauf es ankommt, daß die Menschheit den Übergang zur Erkenntnis des Geistigen ebenso findet, wie sie den Übergang zur Erkenntnis des Natürlichen gefunden hat. Das muß stark und klar gesehen werden. Denn davon hängt es ab, ob wir gegen die Zukunft zu überhaupt eine Weltanschauung haben werden, die imstande ist, die menschliche soziale Struktur zu begründen. Diese menschliche soziale Struktur wird ganz gewiß nicht mit dem begründet werden, was man heute Volkswirtschaftslehre oder ähnliches nennt. Alles was bisher als Volkswirtschaftslehre oder Volkswirtschaftsansicht besteht, ist entweder Erbgut aus alten Zeiten, das nicht mehr brauchbar ist, oder es ist strohernes, törichtes Gestrüpp, verdorrtes Zeug. Eine Volkswirtschaft wird es erst geben können, wenn Ideenkraft das Denken durchzieht, das von der geistigen Welt hergenommen ist. Was an offiziellen Schulen als Volkswirtschaftslehre oder als Menschenbeglückungslehre gelehrt wird, das landet schon in den Köpfen solcher Menschenfeinde wie Lenin und Trotzki; das sind die letzten Konsequenzen. Das aber, was die Menschen mit zukunftbewirkenden Kräften durchdringen soll, das muß aus der Erkenntnis der geistigen Welt herkommen. Es mag heute Paradoxie notwendig sein, wenn man von dem Westen und dem Osten so spricht, wie ich es getan habe. Aber diese Paradoxie enthält die geistigen Wirklichkeiten! Und ohne die Kenntnis dieser geistigen Wirklichkeiten wird man keine gesunde Gestaltung der immer mehr und mehr in das Chaos hineingehenden irdischen Verhältnisse für die Zukunft finden können. Begriffe, die noch vor wenigen Jahren Bedeutung und Geltung hatten, haben heute keine Bedeutung und keine Geltung mehr. Auf allen Gebieten muß umgelernt werden. Die Religionen werden den Menschen nur dann noch etwas sein können, wenn sie sich mit wirklichem Wissen von den geistigen Welten durchdringen werden. Dazu werden sie lernen müssen — das bezieht sich nicht auf ihren Inhalt, sondern auf die Art und Weise, wie sie allmählich Formen angenommen haben -, sie werden lernen müssen, daß diese Formen nicht geeignet sind, zu dem menschlichen Inneren wirklich zu sprechen, sondern daß sie zu dem menschlichen Inneren nur dann sprechen werden, wenn man an die realen Kräfte appellieren wird, die aus der geistigen Welt kommen. «Die Kadis von Mosul», nun ja, eben die, welche nicht von Mosul sind, sondern von, ich will nicht sagen woher, die müssen auch aufhören auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens. Ich sage das schlicht und anspruchslos heute, aber ich glaube, Sie werden fühlen, daß damit eigentlich recht viel, sehr viel gesagt worden ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Siebzehnter Vortrag","site_heading":null,"date":"1918-07-09","location":null,"word_count":653,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-07-09/p021","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/181/1918-07-09/p021"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/181/1918-07-09/p021","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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