III. Mensch und Welt
Heute wollen wir einiges von dem betrachten, was ich nennen möchte das Verhältnis, das sich herausbilden kann zwischen der einzelnen menschlichen Seele und dem, was wir unter anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft meinen. Man betrachtet heute da, wo man von dieser Geisteswissenschaft hört, vielfach noch nicht genügend durchgreifend, wie anders dieses Verhältnis der Menschenseele zur Geisteswissenschaft sein soll als das Verhältnis irgendeines anderen Wissens, irgendeiner anderen Erkenntnis zu dieser Menschenseele. Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, ist allerdings so geartet, daß sie zu ganz anderem in der Menschenseele spricht als irgendein anderes Wissen. Durch irgendein anderes Wissen lernt man dieses oder jenes kennen; man erfährt etwas über das eine oder über das andere in der Welt; man weiß dann mehr, als man vorher gewußt hat. In einer solchen Art steht Geisteswissenschaft nicht zur menschlichen Seele, daß sie nur übermitteln würde etwas, was man nachher weiß. Geisteswissenschaft appelliert an viel tiefere Impulse der menschlichen Seele, als an das bloße Wissen, als an das bloße Denken. Geisteswissenschaft ergreift, oder will wenigstens das tiefste Wesen in uns ergreifen, das, aus geistigen Welten kommend, in unser menschliches Erdenwesen mit der Geburt einzieht und das dieses menschliche Erdenwesen dann im Tode verläßt, um in die geistigen Welten zu anderen Aufgaben hinüberzuwandern. Geisteswissenschaft wird man nur dann in ihrer vollen Bedeutung für die Menschenseele erfassen können, wenn man dieses ihr wirkliches Verhältnis zur äußeren Welt und zum menschlichen Leben auch ganz gefühlsmäßig ins Auge faßt.
Cite:
GA 182/1918-04-29/p003 · edition original