III. Mensch und Welt
Nehmen wir zuerst das Vorstellen. Das Vorstellen wird ja gewiß durch die gewöhnliche Wissenschaft und durch dasjenige, was heute von dieser gewöhnlichen Wissenschaft immer mehr in die Kindererziehung hineingeht und daher für die ganze Entwickelung des Menschheitsgeschickes, auch für das praktische Leben so bedeutungsvoll ist, weil es das Kind durchdringen soll, das Vorstellen wird durch die gewöhnliche Wissenschaft [nicht] bildsam. Es ist noch nicht lange her, ein paar Jahrhunderte, daß das in eminentester Art so ist, daher bemerken es heute die Menschen nicht. Aber es wird nicht lange dauern, dann wird das, was ich jetzt sage, in geradezu umfassender Weise bemerkt werden können. Man kann naturwissenschaftliche Begriffe, wie sie heute gerade den jüngsten Menschen, den Kindern beigebracht werden, sein ganzes Leben lang aufnehmen, ohne daß man durch dieses Aufnehmen so vieler Begriffe im Sinne der heutigen Wissenschaft anders zu werden braucht in bezug auf sein Vorstellen. Man bleibt derselbe. Ja man bleibt nicht nur derselbe, sondern es ist gar nicht zu leugnen, daß man durch die gewöhnlichen wissenschaftlichen Begriffe, die immer mehr und mehr in die allgemeine Bildung übergehen, sogar in intellektueller Beziehung immer beschränkter wird. Der Geist, insofern er ein denkender ist, verliert die Beweglichkeit, sich hineinzufinden in die Lebensverhältnisse, die viel komplizierter sind als das, was der Mensch durch das gewöhnliche Wissen aufnehmen kann.
Cite:
GA 182/1918-04-29/p010 · edition original