III. Mensch und Welt

GA 182/1918-04-29/p016 ·1918-04-29 · original (original)
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Wissen Sie, was kommen würde, wenn diese Weitherzigkeit der Seele im Fühlen nicht eintreten würde? Wir haben gerade gesagt: Beweglichkeit des Denkens, Vielseitigkeit des Denkens und Vorstellens, das ist das eine, was für das Denken, für das Vorstellen eintritt. Für das Fühlen soll eintreten Weitherzigkeit, Sinn für Aufgeschlossensein gegenüber der Welt. Das Gegenteil - Sie können es schon herankommen sehen, wenn Sie nur mit ein wenig Mut die Welt betrachten - ist das Banausentum, die Philistrosität. Was hat denn die große, für viele materialistisch Denkende «gesegnete» Kultur der neueren Zeit heraufgebracht dem Menschen? Auf dem Grund der Seele ruht das Banausentum, die Philistrosität. Philistrosität und Banausentum, sie werden nur besiegt werden durch jene Aufgeschlossenheit, jene Weitherzigkeit der Seele, die sich fühlt als Mikrokosmos im Makrokosmos drinnen, die Ehrfurcht haben kann vor allem dem, was als Göttlich-Geistiges die Welt durchschwebt und durchpulst. So wie die Beschränktheit, die intellektuelle Beschränktheit im Vorstellungsleben durch die Geisteswissenschaft besiegt werden muß, so muß das Banausentum und die Philistrosität durch die Geisteswissenschaft auf dem Gebiete des Fühlens besiegt werden. Und ein drittes bietet sich uns dar, wenn wir auf das Wollen sehen. Die Sachen sind ja vielfach mit Bezug auf das Wollen im Anfang. Nur der Psychologe, der Seelenkenner sieht, was sich vorbereitet, aber es wird schon kommen! Freilich, die Menschen glauben heute vielfach ein anderes, aber wer den tieferen Gang der Menschheitsentwickelung zu durchschauen vermag, der merkt schon, daß nichts so verbreitet ist im allgemeinen Menschenleben auf dem Gebiete des Wollens - in der neueren Zeit viel mehr als in älteren Zeiten - als die Ungeschicklichkeit. Die Ungeschicklichkeit ist etwas, was gegen die Zukunft hin zu einem furchtbaren Übel der Menschheitsentwickelung auszuarten droht. Ich meine, heute schon merkt man es ganz klar: Die Menschen werden heute angeleitet, in einseitiger Weise das oder jenes zu tun. Sollen sie sich anschicken, etwas zu tun, was sie nicht den Handgriffen nach gelernt haben, sie finden sich nicht hinein. Wie wenige Menschen sind heute imstande - gestatten Sie schon, daß ich solche Dinge erwähne -, wenn es nötig ist in besonderen Lagen, sich einmal einen Hosenknopf anzunähen. Wenig Menschen sind imstande, irgend etwas anderes, was nicht gerade mit dem, was sie im engsten Sinne gelernt haben, zusammenhängt, auszuführen. Das ist etwas, was nicht über die Menschheit kommen darf. Die Menschen würden verkümmern lassen dasjenige, was als geistiges Erbgut in ihnen war, als sie heruntergestiegen sind aus der geistigen Welt durch die Geburt zum Dasein, wenn sie so einseitig würden, wie es die «gesegnete» Kultur vielfach verlangt. Wer nur die Sache theoretisch ansieht, der sieht die Zusammenhänge nicht. Wer aber Geisteswissenschaft wirklich lebensvoll sich aneignet, der ist ein innerer Feind der Einseitigkeit; denn Geisteswissenschaft bringt in der Menschenseele eine Stimmung hervor, die auch da zur Vielseitigkeit geht. Sie werden - wenn Sie nicht bloß mit dem Kopfe Geisteswissenschaft aufnehmen, sondern wenn Sie sich so in Geisteswissenschaft hineinversetzen, daß diese Geisteswissenschaft in Ihrer Seele pulsiert wie das Blut im Leibe -, Sie werden sicherlich auch eine gewisse Versatilität im Anpassen an die Umgebung gewinnen. Sie werden die Möglichkeit gewinnen, Dinge zu tun, die Sie sonst zu tun einfach nicht geschickt sind. Die Geschicklichkeit im Wollen bildet sich aus, der Mensch wird anpassungsfähig an die Umgebung. Freilich können Sie sagen, wenn Sie dies sagen wollen: An den Anthroposophen, die da in der Gesellschaft vereinigt sind, da merken wir allerdings nicht gerade, daß sie furchtbar geschickter geworden sind, daß sie lebenstüchtiger geworden sind. Das sagen viele. Nicht ich sage es, aber es wird gesagt. Ja, das rührt von etwas anderem her. So weit ist die Sache noch nicht gekommen, daßß den Menschen das anthroposophische Leben in den Seelen so pulsiert, wie das Blut im Leibe pulsiert, sondern die Unart, alles nur in den Verstand, in den Intellekt hereinzunehmen, das ist von außen hereingetragen worden. Auch Geisteswissenschaft wird für viele nur eine Theorie; es wird nur etwas, was sie denken, aber das ist nicht ihr Wesen. Wenn Sie Geisteswissenschaft nur denken, so ist es gleichgültig, ob Sie ein geisteswissenschaftliches Buch oder ein Kochbuch lesen. Da wird vielleicht ein Kochbuch noch nützlicher sein. Geisteswissenschaft muß so ernst werden, daß sie wirklich den ganzen Menschen in seiner ganzen Seele ergreift. Dann geht sie über in die Glieder, dann werden die Glieder beweglich, der Mensch wird tauglicher zum Leben. Da handelt es sich allerdings darum, daß man eine innere Überzeugungskraft an den Sachen gewinnt, daß man sich mit der äußeren Überzeugung nicht begnügt, sondern eine innere Überzeugung gewinnt.

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