III. Mensch und Welt

GA 182/1918-04-29/p023 ·1918-04-29 · original (original)
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Lebensvoll wird der Seeleninhalt der Menschen werden, wenn die geisteswissenschaftlichen Grundsätze unsere ganze Erziehung, unsere ganze Geisteskultur erneuern. Und immer seltener und seltener werden dann die Wirkungen des frühen Alterns in der Menschheit werden. Wer die Menschheitsentwickelung verfolgt, der weiß: So alt sind vor dem 15. Jahrhundert die ältesten Leute nicht gewesen, wie heute die jüngsten Leute schon alt sind. Die Greisenhaftigkeit nimmt in verheerendem Maße zu. Dieser Greisenhaftigkeit ist nur dadurch zu steuern, daß eben diese Stimmung eintritt, daß wir in der Jugend das bekommen, was man im Alter umwandeln kann, was uns neu werden kann; woran wir uns nicht nur erinnern, sondern was wir umwandeln, weil wir wie an ein Paradies zurückdenken. Das wird Geisteswissenschaft als ein wirkliches Lebenselixier auch hineinbringen in das unmittelbare Leben. Die Schule wird zu etwas ganz anderem werden. Die Schule wird zu etwas werden, wo man sich bewußt ist: Man hat da für das ganze Leben des Menschen zu sorgen. Denn dasjenige, was dem Kinde geboten wird, es kommt in einer ganz anderen Weise im Alter heraus. Dem Kinde werden gewisse Dinge geboten in der Form, sagen wir, daß es lernt, mit Bewunderung, mit Ehrfurcht zu etwas aufzusehen. Das tritt im Alter wieder auf. Das bleibt in der mittleren Zeit mehr zurückgezogen, im Alter tritt es auf, indem es uns die Macht gibt, auf Kinder gut zu wirken. Oder wie ich einmal in einem öffentlichen Vortrag gesagt habe: Wer nicht in der Kindheit gelernt hat, die Hände zu falten, kann im Alter nicht segnen. Das innere Gefühl, das mit dem Falten der Hände zusammenhängt, es tritt in uns wie verwandelt im späteren Alter wieder auf in der Fähigkeit, zu segnen. Wir wissen heute gar nicht, wenn wir nur der heutigen Bildung folgen, was wir dem Kinde gerade für das spätere Alter, in dem Alter vom siebenten bis vierzehnten Jahre und noch früher, und gar erst über das vierzehnte Jahr hinaus geben mit dem, was der heutigen Jugend geboten wird. Das ist das furchtbar Ernste, denn da wird der Grund gelegt zu all der Großmannssucht, die heute in die Jugend verpflanzt wird, zu all dem Dünkel und Vorurteil, als ob man schon irgendwie einen «Standpunkt» haben könnte! Man hört es heute von den jüngsten Leuten: Das ist aber nicht mein Standpunkt. - Jeder hat einen Standpunkt. Es geht natürlich nicht, daß man mit zwanzig Jahren einen Standpunkt haben kann. Dieses Bewußtsein wird heute gerade nicht gefördert.

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Cite: GA 182/1918-04-29/p023 · edition original