Wie finde ich den Christus?
Wir wissen, unser gegenwärtiger geschichtlicher Zeitraum begann, geisteswissenschaftlich betrachtet, im 15. Jahrhundert. Man kann, wenn man eine mittlere Zahl angeben will, das Jahr 1413 angeben. Aber man kann, wenn man auf solche Zahlenangaben sich nicht einlassen will, eben sagen: Im 15. Jahrhundert wurde das Seelenleben der Menschheit so, wie es heute ist.- Wenn man das nicht zugibt in der neueren Geschichte, so ist der Grund davon nur der, daß die neuere Geschichte eben auch nur äußere Tatsachen betrachtet und gar keine Ahnung hat, in ihrer Natur als Fable convenue keine Ahnung davon hat, daß, sobald man hinter das 15. Jahrhundert zurückkommt, die Menschen anders dachten, anders fühlten, aus ihren Impulsen heraus anders handelten, radikal verschieden waren in ihrem Seelenleben von dem Seelenleben der gegenwärtigen Menschen. Der Zeitraum, der damals abschloß, 1413, begann 747 vor Christus, also im 8. vorchristlichen Jahrhunderte, so daß wir dasjenige, was wir geisteswissenschaftlich die griechisch-lateinische Kulturperiode nennen, zählen von 747 vor Christus bis 1413. In diesem Zeitraum spielte sich, wie wir ja wissen, und zwar ungefähr im ersten Drittel dieses Zeitraumes, das Mysterium von Golgatha ab. Nun, dieses Mysterium von Golgatha, es war, wie Sie wissen, für viele Menschen durch Jahrhunderte hindurch der Angelpunkt ihres ganzen Fühlens, ihres ganzen Denkens. Dieses Mysterium von Golgatha ist insbesondere gefühlsmäßig von der Seele erfaßt worden in denjenigen Zeiten, welche der neueren Zeit, dem 15., 16. Jahrhunderte und so weiter, vorangegangen sind. Dann begann diejenige Epoche, in der man anfing, die Evangelien in den weiten Kreisen des Volkes zu lesen. Dann begann aber auch der Streit, ob die Evangelien wirklich historische Urkunden sind. Und dieser Streit, Sie wissen es, ist bis in unsere Tage herein auf die Spitze getrieben worden. Wir wollen uns heute nicht mit den einzelnen Phasen dieses Streites, der ja insbesondere in den Kreisen der protestantischen Theologie eine so große Rolle spielt, befassen, wir wollen nur dasjenige vor unsere Seele rücken, was heute gesagt werden kann in bezug auf das, was man mit diesem Streit über das Mysterium von Golgatha eigentlich will.
Cite:
GA 182/1918-10-16/p008 · edition original