Wie finde ich den Christus?
Aber lassen Sie sich nicht beirren in diesem Suchen durch manches, was heute als Mystik oder selbst von gewissen positiven Bekenntnissen aus gepredigt wird. Wenn Harnack zum Beispiel vom Christus spricht, so ist das nicht wahr, was er sagt, aus dem einfachen Grunde, weil dasjenige, was er vom Christus sagt - lesen Sie es durch -, man von dem Gott überhaupt sagen kann. Das kann man ebensogut vom Judengott sagen, das kann man ebensogut vom Gott der Mohammedaner sagen, von allen. Und viele, die heute sogenannte «Erweckte» sein wollen, die sagen: Ich erlebe den Gott in mir -, aber sie erleben eben nur den Vatergott, und den auch nur in einer abgeschwächten Gestalt, weil sie eigentlich nicht bemerken, daß sie krank sind und nur traditionell nachreden. So etwas macht zum Beispiel Johannes Müller. Aber alle diese haben keinen Christus, denn das Christus-Erlebnis besteht nicht aus einem Erleben des Gottes in der Menschenseele, sondern aus den zweien: aus dem Erleben des Todes in der Seele durch den Leib, und der Wiederauferstehung der Seele durch den Geist. Und derjenige, der der Menschheit sagt, daß er nicht bloß den Gott in sich fühlt - wie es auch die bloß rhetorischen Theosophen behaupten -, sondern der reden kann von den zwei Ereignissen, von der Ohnmacht und von der Auferstehung aus der Ohnmacht, der redet von dem wirklichen Christus-Erlebnis. Der aber findet sich auf einem übersinnlichen Wege hin zu dem Mysterium von Golgatha; er findet selbst die Kräfte, die gewisse übersinnliche Kräfte anregen und die ihn hinführen zu dem Mysterium von Golgatha.
Cite:
GA 182/1918-10-16/p053 · edition original