Zweiter Vortrag
Damit haben Sie eine, ich möchte sagen, Normalaura des Menschen im Profil, also von der rechten Seite aus gesehen. Ich sage ausdrücklich: eine Normalaura von der rechten Seite aus gesehen. Dasjenige, was sich dem Schauen so darstellen würde, daß das Schauen eben diese Figur vor sich hätte, das charakterisiert das Hineingestelltsein des Menschen in seine geistig-seelische Umgebung. Es charakterisiert aber auch die Stellung des Menschen, des Seelisch-Geistigen des Menschen zu sich selber. Man kann, gerade wenn man dasjenige studiert, was durch diese Figur dargestellt ist, so recht sehen, wie der Mensch nach zwei Seiten hin ein begrenztes Wesen ist. Diese zwei Seiten, nach denen hin der Mensch ein begrenztes Wesen ist, die werden im Leben immer bemerkt; allein sie werden nicht richtig gedeutet, sie werden nicht richtig ins Auge gefaßt, werden wenigstens nicht verstanden. Sie wissen ja, daß man in der äußeren Naturwissenschaft davon spricht, daß der Mensch, wenn er die Welt betrachtet, wenn er sich Erkenntnisse verschaffen will von der Welt, mit seiner Wissenschaft, mit seiner Erkenntnis an bestimmte Grenzen kommt. Wir haben öfter von diesen Grenzen gesprochen, von diesem berühmten «Ignorabimus» — wir werden niemals wissen -, welches von seiten der Naturforscher, von seiten mancher Philosophen geltend gemacht wird. Man sagt, der Mensch komme eben zu bestimmten Grenzen seines Erkennens, seines Anschauens der Außenwelt. Ich habe Ihnen wohl auch schon den berühmten Ausspruch angeführt, den Du Bois-Reymond auf der Leipziger Naturforscherversammlung in den siebziger Jahren getan hat: In die Regionen hinein, so sagte ungefähr dazumal Du Bois-Reymond, in denen Materie spukt, wird das menschliche Erkennen niemals dringen.
Cite:
GA 183/1918-08-18/p010 · edition original