Dritter Vortrag

GA 183/1918-08-19/p011 ·1918-08-19 · original (original)
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Auch die andere Erscheinung kommt vor, daß dasjenige, was eigentlich erst in der Zukunft auftreten sollte, in einer gewissen Weise dann vorweggenommen wird. Vergleichen könnte ich das damit, daß ich hinweise auf Kinder, die als Kinder schon greisenhaft sind. Sie nehmen das Greisenhafte als Kinder schon voraus. Da ist die Unregelmäßigkeit in der Entwickelung dadurch eingetreten, daß etwas, das später kommen sollte, früher hereingeschoben ist, in eine frühere Zeit. Während nun im orientalischen Denken, in der orientalischen Anschauungsweise gerade bei den hervorragendsten Geistern ein aus alter Zeit Zurückgebliebenes in der Weise herrscht, wie ich es eben angedeutet habe, herrscht namentlich bei so ganz im Sinne des Amerikanismus denkenden Geistern ein Hereinnehmen von Späterem, ein Hereinschieben von Späterem. Da merkt man deutlich, wenn man auf solche Sachen eingehen kann, daß gerade hervorragendere Geister vieles von dem haben, was da (links) durchsickert. Sie bekommen eine Vorstellung von solchem Durchsickerndem, wenn Sie zum Beispiel jenen Essay lesen, den Woodrow Wilson geschrieben hat über die Entwickelung des amerikanischen, des nordamerikanischen Volkes im besonderen. Man kann sich nichts denken, das mehr den Nagel auf den Kopf trifft, das treffender wäre als dieser Essay, den Woodrow Wilson über die Entwickelung des amerikanischen Volkes geschrieben hat. Da ist jedes Wort darinnen so, daß man das Gefühl hat: es ist die Sache in der allerallerschärfsten Weise charakterisiert und getroffen. Und das fällt insbesondere deshalb auf, weil Wilson in diesem Fall sehr scharf aufmerksam macht darauf, daß eine ganze Anzahl von Leuten auch in Amerika die Ansicht haben, die eigentlich nur zu rechtfertigen ist, wenn man das amerikanische Volk heute noch auffaßt — wogegen et, Woodrow Wilson, sich wendet — gleichsam als eine Dependance des englischen Volkes. Diese Menschen, die heute noch die Amerikaner so auffassen, als ob diese etwas wären wie Abkömmlinge, wie ein Zweig der europäischen Engländer, diese Leute lehnt Woodrow Wilson im strengsten Sinne des Wortes ab. Die verstehen nichts, meint er, von der eigentlichen Entwickelung des amerikanischen Volkes im 19. Jahrhundert. Denn der Amerikaner beginnt von innen erst Amerikaner zu sein — so spricht Wilson aus echt amerikanischem Geiste heraus, außerordentlich prägnant und treffend - in dem Momente, wo er aufhört anzuknüpfen mit seinem Seelenhaften an das, was von England herübergekommen ist, wo er beginnt, als Bebauer des Bodens von Osten nach dem Westen hinüberzudringen, von der amerikanischen Ostküste nach der Westküste hinüberzudringen. In diesem Ausroden der Urwälder, in der Arbeit mit der Flinte, in der Arbeit mit dem Spaten, in der Arbeit mit dem Pflug und dem Pferde, in diesem Überwinden jenes Widerstandes, der zu überwinden ist bei der Arbeit von dem Osten nach dem Westen hinüber, entwickelt sich für ihn der Westmann, der «Westerner», wie er es nennt. Und in dieser Art und Weise der Eroberung des Bodens sieht er, so daß es unmittelbar überzeugendsten Eindruck macht, den eigentlichen Nerv der amerikanischen Entwickelung. Man hat überall gerade das Gefühl - man muß natürlich verstehen, das Wie zu lesen in einem solchen Fall, nicht bloß das Was -, da spricht viel mehr als der Wilson. Denn wenn der Wilson selber spricht — ja, da wird nicht viel Gescheites daraus. Da spricht viel mehr, da spricht dasjenige, wovon der Mann als von seinem eigenen Inneren her besessen ist, da sprechen Dämonennaturen, die geradezu grandiose Zukunftsgeheimnisse eingeben. In diese Geheimnisse müßte eigentlich die Menschheit eindringen, wenn die Entwickelung verstanden werden soll.

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Cite: GA 183/1918-08-19/p011 · edition original