Fünfter Vortrag
Da findet man dann, daß die Menschen sich vielen Illusionen hingegeben haben in der Zeit des 18. Jahrhunderts, das 19. Jahrhundert hindurch, und namentlich in dem Teil des 20. Jahrhunderts, in dem wir jetzt leben. Sie haben sich vielen Illusionen hingegeben in ihren Gedanken; aber überwältigt sind sie worden von den objektiven, historisch-kosmischen Gedanken. Die weben in den Dingen. Und ein Interesse für diese objektiv webenden Gedanken, wenn auch ein furchtbar einseitiges Interesse, haben eigentlich doch nur diejenigen Menschen allmählich entwickelt, welche den Sozialismus als Weltanschauung ausgebildet haben. Und das ist etwas ungeheuer Charakteristisches. Wenn Sie das 19. Jahrhundert verfolgen: das Bourgeoistum verliert immer mehr und mehr das Interesse für große Weltanschauungsfragen. Große Weltanschauungsfragen werden sogar dem Bourgeoistum höchst unangenehm, sie werden womöglich in die Ästhetik hinein abgeschoben. Ob es geistige Wesen gibt oder nicht, darüber mag man, wenn man ein richtiger Durchschnittsbourgeois ist, von der Bühne herunter allerlei vernehmen, wo man nicht daran zu glauben braucht, wo es nicht darauf ankommt, ob die Dinge Wahrheiten sind oder nicht: da läßt man sich von Björnson und ähnlichen Leuten das Mannigfaltigste vormachen. So in das Ästhetische hinein, in das Spielen mit allerlei sogenannten Künstlerischem, dahin wird das Weltanschauungsgemäße für das Bourgeoistum in der neueren Zeit abgeschoben. Wirklich für Weltanschauungsfragen die Köpfe gegenseitig zerschlagen — womit ich das nicht als ein Ideal betrachten will im physischen Sinne, aber im geistigen Sinne ist es in gewissem Sinne ein Ideal: Sie wissen, ich habe mit einem sehr starken Aplomb darauf hingewiesen, daß ich gerne Temperament haben würde auch beim Vertteten anthroposophischer Wahrheiten -, die Köpfe eingeschlagen hat man sich in den letzten Jahrzehnten auf sozialistischem Gebiete. Und darum haben sich die andern nicht gekümmert. Sie haben, möchte ich sagen, diejenigen Leute allein gelassen, welche die Welt eigentlich von einem sehr engen Aspekt aus gesehen haben, welche die Welt nur gesehen haben von dem Aspekt der Fabrik aus, von dem Inneren der Fabrik aus, von dem Inneren der Buchdruckerwerkstätte und so weiter. Und es ist ja im höchsten Maße interessant, was für eine sogenannte Weltanschauung herausgekommen ist von dem Aspekte der Fabrik aus: denn das ist der Sozialismus! Das ist vom Aspekt des Inneren der Fabrik, das ist vom Aspekt der Menschen aus, die gar nichts anderes kennen als das Innere der Fabrik. Und für das, was da sich heranentwickelte, hat sich das Bourgeoistum, das sich mit allerlei abstrakten Ideen, aber auch im Abstrakten mit Ästhetisieren befaßt, so daß man nicht sehr sich die Köpfe zu zerschlagen brauchte, für das, was da unten sich entwickelt hat, hat sich das Bourgeoistum eigentlich wenig interessiert. Und so ist das Bourgeoistum kurioserweise in die Mitte hineingekommen zwischen der absterbenden, der ganz absterbenden alten Weltanschauung, die alles Geistige verloren hat, die alle großen Fragen überhaupt in den Ästhetizismus hinein abschieben möchte, und dem, was da neu heraufkommt, dem Sozialismus, der überhaupt noch keine Begriffe hat, der noch lediglich mit Worten allerlei Systeme bereitet, weil er die Welt überhaupt noch nicht sehen kann, sondern nur die Fabrik sehen kann, nur das alleräußerste Mechanische sehen kann. Denken Sie sich doch, was es eigentlich zu bedeuten hat, wenn der Mensch innerlich nichts weiß von Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich, sondern nur weiß von der Art und Weise, wie in der Maschine mechanisch sich dieser oder jener Zapfen auf und ab bewegt, das oder jenes zugefeilt und zugehobelt wird und dergleichen! Der Sozialismus ist eine Weltanschauung, die da fußt auf der Anschauung einer Welt, die rein mechanisch ist. Es ist für den Sozialisten das Stück der Welt herausgeschnitten, das mechanisch ist; danach formt er sich seine Begriffe.
Cite:
GA 183/1918-08-25/p032 · edition original