Fünfter Vortrag
Nehmen Sie eine beliebte Darstellung der römischen Kaiserzeit; versuchen Sie in den Schulbüchern oder in den Büchern auch, die die großen autoritativen Historiker geschrieben haben, über die römische Kaiserzeit sich zu unterrichten. Ich glaube, Sie werden aus diesen Darstellungen außerordentlich wenig vernehmen über eine gewisse Persönlichkeit, die schon unter Nero eine bedeutende politische Rolle gespielt hat — so unter Nero kommen bereits die politischen Aspirationen durch -, dann ganz besonderes Aufsehen erregte und bedeutenden Einfluß auf die Politik Roms erlangte unter Vespasian und Tilus, so daß man sagen kann, daß diese Persönlichkeit die Seele der Regierung des Vespasianus und Titus war. Dann wendete sich diese Persönlichkeit der andern Seite zu unter der Regierung des Domitianus, den sie für einen Schädling des Römertums hielt. Sie wendete sich der andern Seite zu. Es wird ihr der Prozeß gemacht, ein sehr aufsehenerregender Prozeß in Rom, der sehr interessant verlaufen ist, in welchem Domitianus geradezu umgeschlagen hat vom Tyrannen zu einem, der sich gegenüber diesem Prozeß nicht zu helfen wußte, daher den Mann nicht verurteilen konnte. Dann wiederum, als an Stelle des Domitianus Nerva kam, sehen wir diese Persönlichkeit wieder energisch verbunden mit dem Kaiser, dem Cäsar. Da schen wir aber diese Persönlichkeit große Politik machen aus der gesamten Weltanschauung der damaligen Zeit heraus, und wir schen zu gleicher Zeit diese Persönlichkeit versuchen, wirklich weitgehende, aus dem Kosmos heruntergeholte Begriffe noch einmal, zum letzten Male während der römischen Kaiserzeit, den politischen Ereignissen einzuimpfen. Und kurioserweise finden Sie ja eine richtige Beschreibung dieser Persönlichkeit in gar keinem gebräuchlichen Geschichtsbuche, nicht einmal bei SzeZon und Tacitus, sondern nur bei Philostratus. Und Philostratus schildert auch nur so, daß man nicht wußte, schildert er einen Roman oder eine Wirklichkeit. Er schildert das Leben des Apollonius von Iyana. Denn Apollonius von Tyana ist der, von dem ich Ihnen gesagt habe, daß er von Nero an bis zu Nerva und namentlich unter Vespasian und Titus einen so großen Einfluß auf die Politik hatte, und den Philostratus beschrieb. Und der Tübinger Theologe Baur, der Historiker Baur war im höchsten Grade erstaunt, daß man so gar nichts findet über eine Persönlichkeit wie den Apollonius, der eine erste Rolle spielen müßte in der Geschichtsdarstellung. Natürlich sah Baur nicht ein, worauf es ankommt. Es kommt darauf an, daß in Apollonius eine Persönlichkeit dasteht in der Geschichte, die schon diesen großen Einfluß hatte, aber die aus dem überragenden Kosmischen die Prinzipien herunterholte. Das war dem ins Römische hineinmündenden Christentum im höchsten Grade fatal. Und nun bitte ich Sie zu berücksichtigen, daß alles dasjenige, was historisch da ist, von der Kirche Gnaden da ist. Es ist ja sonst nichts da, als was die Kirche aus Gnade den Menschen gelassen hat. Nicht mit Unrecht hat ein alter, gar nicht dummer Mensch behauptet, daß es überhaupt einen Plato, einen Sophokles gar nicht gegeben hatte, sondern daß Mönche vom 14. und 15. Jahrhundert des Sophokles’ Dramen geschrieben hatten; denn ein strikter Beweis dafür, daß Sophokles gelebt hat, ist nicht da. Wenn auch die Behauptung nicht haltbar ist, selbstverständlich Unsinn ist, aber wie unsicher alles dasjenige ist, was geschichtliche Fable convenue ist, wir haben es ja schon oft betont. Und wir müssen uns darüber klar sein. Wir müssen ja die Gegenwart mit der Vergangenheit in Zusammenhang bringen, denn wir nähern uns jetzt einer großen, bedeutungsvollen Frage.
Cite:
GA 183/1918-08-25/p034 · edition original