{"corpus":"steiner","locus":"GA 183/1918-08-26/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So eine Art Vorstellung von der Sonne hat im Grunde derjenige, der die heutige Physik, Astrophysik meinetwillen, autoritativ nimmt: Wenn er da hinauflahren könnte, wohin die Physiker die Sonne versetzen, so würde er, indem er sich der Sonne nähert — nun, sehen wir jetzt von menschlichen Lebensbedingungen ab, setzen wir voraus, daß die Lebensbedingungen absolut sein könnten -, gewaltige Hitze verspüren, so stellt er es sich vor, und er würde da, wenn er innerhalb des Raumes ankommt, den sich der Physiker von der Sonne ausgefüllt denkt, innerhalb dieses Raumes glühendes Gas oder dergleichen finden. So stellt sich der Physiker ja das eigentlich vor: einen glühenden Gasball oder so etwas. Aber so ist es nicht, das ist eine richtige Maja, eine richtige Täuschung. Und diese Vorstellung hält vor den wahren physikalischen Anschauungen, die man gewinnen kann, auch nicht stand, geschweige denn vor der wirklichen übersinnlichen Anschauung. Wenn man sich nämlich wirklich der Sonne nähern könnte und dahin kommen würde, wo die Sonne ist — ja, indem man sich nähert, da findet man schon so etwas, wie wenn man durch flutendes Licht durchgehen müßte (es wird gezeichnet: gelber Kreis, innen blauer Kern); aber wenn man da hineinkommt, wo die Physiker die physische Sonne vermuten, findet man zunächst das, was man ansprechen könnte als leeren Raum. Da ist überhaupt nichts; es ist gar nichts da, wo man die physische Sonne vermutet. Ich zeichne es schematisch (blau), weil eigentlich nichts dort ist. Da ist nichts, da ist leerer Raum. Aber ein sonderbarer leerer Raum ist das! Wenn ich sage: Es ist nichts da -, so rede ich eigentlich nicht ganz richtig; es ist weniger als nichts da. Es ist nicht nur ein leerer Raum da, sondern es ist weniger als nichts da. Und das ist es, was als eine Vorstellung für abendländische Menschen heute außerordentlich schwer zu bilden ist. Der Morgenländer hat diese Vorstellung auch heute noch ohne weiteres; für den ist es gar nichts Wunderbares oder Schwerverständliches, wenn man ihm davon spricht, daß da weniger als nichts ist. Der Abendländer denkt sich, und er denkt sich das insbesondere, wenn er ein waschechter Kantianer ist, denn viel mehr Leute, als man heute denkt, sind Kantianer, sind unbewußte Kantianer: Wenn nichts im Raum ist, so ist es eben leeret Raum! — Aber das ist nicht der Fall; es kann auch ausgeschöpfter Raum sein. Wenn Sie nämlich da durch diese Sonnenkorona durchsehen würden, so würden Sie diesen leeren Raum, in den Sie da eintreten würden, höchst unbehaglich empfinden: er zerreißt Sie nämlich. Und darin zeigt er seine Wesenheit, daß er mehr ist - oder weniger ist, wie ich besser sagen kann - als ein leerer Raum. Sie brauchen ja nur die einfachsten mathematischen Begriffe zu Hilfe zu nehmen, so wird Ihnen nicht ganz unklar bleiben können, was ich da meine: leerer Raum ist weniger noch als bloß leer. Nehmen wir an, Sie besitzen irgend etwas an Vermögen. Aber es kann auch vorkommen, daß Sie alles, was Sie besitzen, ausgegeben haben, daß Sie nichts haben. Aber man kann weniger als nichts haben: man kann Schulden haben, dann hat man wirklich weniger als nichts. Man kann, wenn man von der Raumerfüllung zu immer dünnerer und dünnerer Raumerfüllung übergeht, bis zum leeren Raum kommen; man kann aber dann hinter die bloße Leerheit noch hinübergehen, wie man von dem Nichts zu den Schulden gehen kann.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Sechster Vortrag","site_heading":null,"date":"1918-08-26","location":null,"word_count":555,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/183/1918-08-26/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/183/1918-08-26/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/183/1918-08-26/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}