Sechster Vortrag
Da kam etwas Überraschendes im 19. Jahrhundert. Unter den abstrakten Begriffen hat man den Menschen vollständig verloren gehabt. Der Grieche ahnte noch etwas von dem wirklichen Menschen, der aus dem Kosmos herein gebildet wird; durch das Römertum hindurch ist der Mensch verlorengegangen. Das 19. Jahrhundert war genötigt, ihn wieder zu entdecken durch alle die Verhältnisse, auf die ich Sie schon hingewiesen habe, auf die ich Sie noch genauer hinweisen werde. Und die Entdeckung des Menschen, die geschah jetzt von dem andern Pol aus. Das Griechentum hat sehen wollen den Menschen, der aus der Hierarchie kommt, den göttlichen Menschen; die Römer haben an die Stelle eine Reihe von abstrakten Begriffen gesetzt; das 19. Jahrhundert, schon das 18. Jahrhundert, aber namentlich das 19. Jahrhundert war genötigt, den Menschen von der andern Seite, von seiner Tierseite aus wieder zu entdecken. Und da konnte er jetzt nicht gefaßt werden mit diesen abstrakten Begriffen. Das war der große Schock. Und das ist der große Schock, das ist die tiefe Kluft, die entsteht: Was ist denn das eigentlich, was da auf zwei Beinen vor uns steht und mit den Händen fuchtelt und allerlei ißt und trinkt, was ist denn das? Die Griechen haben es noch gewußt; dann ist es in abstrakte Begriffe verwandelt worden. Jetzt überrascht es die Menschen im 19. Jahrhundert; da steht es, aber man hat keine Begriffe, es zu fassen. Man faßt es als bloßes höheres Tier auf: es wird auf der einen Seite der Darwinismus, naturwissenschaftlich, auf der andern Seite, im Geistigen, der Sozialismus, der den Menschen nur als Tier in die Sozietät hineinstellen will. Es ist der Mensch, der vor sich selber überrascht steht: Was ist denn das eigentlich? - und der ohnmächtig ist, diese Frage zu beantworten.
Cite:
GA 183/1918-08-26/p042 · edition original