Dritter Vortrag
Nun trat das Eigentümliche zutage, dieser Karl Marx, von dem ich Ihnen gesprochen, auf den heute Millionen schwören, wenn auch mehr oder weniger in Schattierungen, mehr oder weniger in Formeln - aber darauf kommt es nicht an; wer die Dinge kennt, weiß, daß Tausende von Menschen auf ihn schwören, oder wenn sie nicht äußerlich bewußt schwören, so tun sie es unterbewußt —, dieser Karl Marx hat versucht, die Frage zu beantworten: Welches sind die wahren Güter der Menschheit? Was ist es wirklich, was in der Menschheit geleistet wird? — Es ist außerordentlich originell, wie er die Frage beantwortet hat, denn so ist sie noch nie beantwortet worden; was menschliche Güter sind, wurde immer in irgendeiner andern Weise betrachtet, als Karl Marx es betrachtet. Was menschliche Güter sind, wurde betrachtet, sagen wir zum Beispiel danach, ob es weither gebracht werden muß, ob viel Verstand notwendig ist, es aufzufinden oder dergleichen. Ich habe Ihnen das einmal dadurch klarzumachen gesucht, daß ich Ihnen sagte: Menschliche Arbeit muß man auch qualitativ betrachten, man muß sich überhaupt ganz aufs Konkrete einlassen. Wir betrachten den kunstvollen Gotthardtunnel. Kein Mensch kann heute so etwas bauen wie den Gotthardtunnel, der nicht Differential- und Integralrechnung kennt, und Differential- und Integralrechnung ist eine Leibnizsche oder, wenn es in England besser gefällt, eine Newtonsche - die beiden stritten sich ja um die Ehre — Erfindung. Man kann also sagen, Newton oder Leibniz haben mitgearbeitet am Gotthardtunnel. Ja, ohne sie hätte man ihn ganz gewiß nicht bauen können! Nun muß man die Arbeit von Newton oder Leibniz in einer ganz andern Weise bewerten, als man die Arbeit eines Menschen bewertet, der einen Stein auf den andern legt im Gotthardtunnel. Das ist ein solcher Gesichtspunkt, wie man menschliche Güter, Menschenarbeit zu bewerten hat. Die Wertlehre der menschlichen Arbeit, des menschlichen Lebens hat verschiedene Gestaltungen gehabt. Man hat von den verschiedensten Gesichtspunkten Arbeit, Lebensgüter bewertet, noch niemals so, wie Marx gewertet hat. Karl Marx nimmt ein einziges Element auf in seine Wertlehre. Für ihn ist alles dasjenige, was Wert im menschlichen Leben hat, nur dadurch Wert, daß es kondensierte Zeit ist, kondensierte Arbeitszeit namentlich. Ob irgend etwas in drei Stunden, in sechs, in zwölf Stunden hergestellt werden kann, danach bemißt sich sein volkswirtschaftlicher, sein weltwirtschaftlicher Wert. Darauf beruht ein großer Teil der Theorie von Marx, die heute so gang und gäbe ist, daß man es erleben kann, daß, wenn da oder dort irgendein Mensch der sogenannten höheren Stände von seinem Standpunkte aus über Arbeit spricht, ein Arbeiter aufsteht, ein richtiger Sozialist, und sagt: Bitte, lesen Sie nach bei Karl Marx - er hat natürlich das Buch nicht bei sich -, bitte, Seite 374, da werden Sie das oder jenes finden.
Cite:
GA 184/1918-09-08/p042 · edition original