Vierter Vortrag
Nun wollen wir einmal uns klarmachen, worauf es beruhte, daß die alten Menschen so leicht dem Fatalismus verfallen konnten. Wir wissen ja, die Seelenverfassung der Menschen hat sich radikal geändert im Laufe der Entwickelung, und es ist ein Aberglaube, wenn man nur so, wie es etwa der landläufige Darwinismus tut, eine sukzessive Entwickelung annimmt. Für die Seelenverfassung liegt eine radikale Umänderung vor, und in dieser Beziehung ist die Geschichte am allermeisten eine Fable convenue. Die Seelenverfassung der alten Menschen war so, daß ihnen eigentlich niemals das Naturgemäße so entgegengetreten ist, wie es den heutigen Menschen entgegentritt, und demgegenüber auch das Geistige nicht so begriffsmäßig, so vorstellungsmäßig, wie es dem heutigen Menschen entgegentritt. Alles dasjenige, was der alte Mensch von der Natur vorstellte, stellte er so vor, daß er das Naturgemäße mit dem Geistigen verquickt vorstellte, und wiederum das Geistige stellte er sich so vor, daß er für die Vorstellung Bilder aus dem Gange der Natur nahm. Hatte man alte Götterlehren, so sind die eigentlich ganz durchtränkt, als Mythe ganz durchtränkt von Vorstellungen, die der sinnenfälligen Natur entnommen sind. Sprach man von der Natur, so sprach man nicht so, wie wir heute sprechen, so trocken, so abstrakt, sondern man sprach von elementarer Geistigkeit, von Wesenheiten, welche die Naturerscheinungen tragen, bewirken.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p005 · edition original