Vierter Vortrag
Das andere ist: Wie steht es mit der heutigen Geistanschauung? Diese heutige Geistanschauung ist etwas, was sehr, sehr in Abstraktionen schwebt. Sie können dies am besten verfolgen, wenn Sie sich die eine oder andere Philosophie nehmen. Es ist schon ganz gleichgültig, welche Philosophie Sie nehmen. Sie können eine so halbverworrene, in Wortgetändel ablaufende Philosophie nehmen wie die Euckensche, Sie können eine etwas auf sichereren Grundlagen ruhende wie die Liebmannsche nehmen, Sie können sich auf eine solche einlassen, welche mehr zum populären Bewußtsein spricht, wie die Schopenhauersche und so weiter: da wird in Philosophien und Weltanschauungen der Gegenwart von Geist gesprochen; wenn die Philosophien nicht rein positivistisch sind, wie die Comtesche, die wir neulich kennenlernten, wenn sie nicht materialistisch sind, so wird immerhin von den Philosophen von Geist gesprochen. Aber was ist das, wovon da in den Philosophien gesprochen wird, und was Geist genannt wird aus der heutigen Seelenkonstitution heraus? Geradeso wie dasjenige, was der Mensch wie ein Netz durch die Naturerscheinungen hindurchzieht, indem er eine gewisse stoffliche und kraftliche Ordnung annimmt, die Naturanschauung zur Illusion macht, so ist alles das, was heute in den landläufigen Anschauungen über den Geist gesagt wird, im Grunde eine Halluzination, und die gebräuchlichen Philosophien sind eigentlich nur eine Summe von nicht bemerkten Halluzinationen. Im Grunde genommen ist der Mensch heute so konstituiert, daß er mit seiner Seele, wenn er zur Natur hinsieht, zwischen der Illusion, wenn er zum Geiste hinsieht, zwischen der Halluzination schwebt. Was die Philosophen vom Geiste träumen, indem sie rein aus Begriffen heraus eine gewisse Anschauung vom Geiste sich konstruieren wollen, das ist eigentlich nur eine Summe von feinen Halluzinationen, allerdings von feinen, aber eben doch von Halluzinationen. Es sind Gebilde, die aus Gründen, über die wir heute nicht sprechen wollen, aus dem Inneren des Menschen aufsteigen, die als solche unmittelbar mit der Wirklichkeit nichts Rechtes eigentlich zu tun haben.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p009 · edition original