Vierter Vortrag
Ich habe Sie öfters aufmerksam gemacht auf solche Erscheinungen der Tatsachenwelt, welche klar zeigen, daß alles das, was die Menschen sich vorstellen können, nicht viel zu tun zu haben braucht mit der Wirklichkeit. Ich habe, um dies zu erhärten, hingewiesen darauf, daß zum Beispiel in ihrer Naivität eine ganze Anzahl von Philosophen heute davon reden, der Mensch müsse zusammengesetzt gedacht werden aus Leib und Seele. Selbst die weltberühmte Wundtsche Philosophie spricht von Leib und Seele und gibt sich der Meinung hin, daß sie vorurteilslos ist. Aber in Wirklichkeit - auf das habe ich ja schon aufmerksam gemacht -, was ist die ganze Wundtsche Philosophie oder ähnliche Philosophien? Es ist nur die Ausführung desjenigen, was das achte allgemeine Konzil von Konstantinopel im Jahre 869 beschlossen hat: daß man nicht sprechen dürfe - so ungefähr konnte man den dazumal ja allerdings verklausulierten Konzilsbeschluß definieren -, wenn man vom Menschen spricht, von Leib, Seele und Geist, sondern daß das Geistige nur eine Eigenschaft des Seelischen sei, daß man nur sprechen dürfe von Leib und Seele. Und die Trichotomie Leib, Seele und Geist war ja eine ketzerische Anschauung durch das ganze Mittelalter hindurch. Die theologischen Philosophen haben gebebt, wenn sie durch die Wirklichkeit dazu gedrängt worden waren, von Leib, Seele und Geist nur etwas anzudeuten, denn es war eben eine ketzerische Anschauung. Unter dieser Anschauung stehen die Philosophen noch heute. Sie führen nur dasjenige aus, was jenes Konzil von Konstantinopel dazumal dogmatisiert hat, und sie glauben, vorurteilslos zu sein, sie glauben, daß sie etwas, was aus ihren reinen Anschauungen, Forschungen folgt, ausführen, während sie in Wahrheit Ausführer eines Konzilsbeschlusses sind. Man muß die Dinge ohne Illusion anschauen; man muß auf die Wirklichkeit hinschauen. Unsere jungen Studenten lernen überall in der Philosophie dasjenige, was das Konzil von Konstantinopel 869 beschlossen hat.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p010 · edition original