Vierter Vortrag

GA 184/1918-09-13/p014 ·1918-09-13 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun ist es namentlich geistigen Dingen gegenüber nicht ganz leicht, sich den Wirklichkeitssinn anzuerziehen, denn gerade geistigen Dingen gegenüber steckt man mehr, als man glaubt, im bloßen Begriffsspiel, in einer spielerischen Dialektik. Und dasjenige, was als äußere Illusion erscheint, sobald es hereinspielt ins moralisch-geistige Leben der Menschen, ist sehr stark geeignet, das Illusionsmäßige zu fördern. Über gewisse Dinge versucht der Mensch immer zu theoretisieren. Er versucht zu theoretisieren über das Gute und das Böse, über die Freiheit oder die Notwendigkeit; über die allerwichtigsten Fragen des Lebens, kann man sagen, ist der Mensch eigentlich furchtbar geneigt zu theoretisieren, das heißt, sich einem bloßen Begriffsspiel zu überlassen. Und was man heute da oder dort an Weltanschauungsdiskussionen trifft, das läuft eigentlich in der Regel nur innerhalb der Begriffsdialektik. Die Menschen täuschen sich allerdings auch sogar darüber, indem sie glauben, Begriffe zu haben, aber in Wirklichkeit ja gar nicht Begriffe haben können; sondern sie haben neben dem Begriff noch die Sympathien und Antipathien für gewisse Begriffe und gegen gewisse Begriffe, und nach seinen Sympathien und Antipathien bildet sich dann ein Mensch diesen oder jenen Begriffszusammenhang und dergleichen. Aber darauf will ich weniger Rücksicht nehmen. In den weitaus meisten Weltanschauungsdiskussionen, die ja ein Begriffsspiel bilden in Fragen, ist ein Absehen von der Wirklichkeit.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/184/1918-09-13/p014.json
Cite: GA 184/1918-09-13/p014 · edition original