Vierter Vortrag
Gehen wir, um das klarzumachen, was ich hiermit eigentlich meine, von einer im Leben oft auftretenden Tatsache aus: vom Haß, vom Vorhandensein des Hasses. So etwas, wie das Vorhandensein des Hasses in der Menschennatur, will man erklären. Mit einer bloßen Begriffsspielerei versucht man sehr häufig, solche und ähnliche Dinge zu erklären. Der Haß ist da als eine Seelenerscheinung, als eine psychologische Realität. Aber wer sich auf diese Dinge einläßt, findet sehr bald, daß man die ganze Farbe der Erscheinung des Hasses mit gewissen Begriffen, die man sich darüber macht, doch nicht eigentlich einfangen kann. Solche Dinge, wie Haß, kann man nur verstehen, wenn man versucht, von der Illusionswelt zu der wahren Wirklichkeitswelt zu kommen. Der Haß ist etwas, was aus einer tieferen Wirklichkeitswelt in die menschliche Seele hereinspielt. Man muß sich nun fragen: Dieser Haß, ist er in der Wirklichkeitswelt dasselbe, als was er in der menschlichen Seele erscheint? Wenn er in der Wirklichkeitswelt etwas anderes ist, als er in der menschlichen Seele erscheint, dann werden wir bald einsehen, wie nahe es liegt, daß man zu keiner geistigen Anschauung kommt, wenn man bloß den Haß in der menschlichen Seele kennenlernt. Wenn man den Haß mit geisteswissenschaftlichen Methoden aufsucht im Kosmos - jetzt nicht im einzelnen Menschen, in die einzelne Menschenseele spielt er herein, der Haß -, wenn man ihn aufsucht im Kosmos, so ist er da etwas ganz anderes. Man findet dasselbe, was in der Menschenseele als Haß sich verwirklicht, auch draußen im Kosmos. Man muß nur nicht darauf hereinfallen, bloß solche Naturkräfte zu suchen, wie sie die heutige wissenschaftliche Illusion sucht, sondern man muß in die Wirklichkeit hineinschauen, die hinter der Natur ist, dann findet man schon im Kosmos das Entsprechende für den Haß. Aber im Kosmos ist dieser Haß etwas wesentlich anderes, als er in der menschlichen Seele ist. Im Kosmos ist der Haß eine Kraft, ohne welche niemals Individualisierung eintreten könnte. Niemals könnten Sonderwesen entstehen, auch das menschliche Sonderwesen könnte nicht entstehen, wenn es nicht im Kosmos die Kraft des Hasses gäbe. Ich spreche nicht von dem illusionistischen Abstoßen der Atome, sondern ich spreche von etwas Realem. Im Kosmos entsteht Haß, aber im Kosmos darf Haß nicht so moralisch bewertet werden, wie wenn er in die Menschenseele hereinspielt. Im Kosmos ist Haß eine Kraft, welche aller Individualisierung zugrunde liegt. Die ganze Welt würde in eine große Einheit verschwimmeln, so wie es die nebulosen Pantheisten gern haben möchten, es würde sich kein Wesen sondern, es würde sich nicht gliedern, wenn nicht durch den ganzen Kosmos das waltete, was die Menschen zunächst nicht sehen im Kosmos, was aber in die Menschenseele hereinspielt und in der Menschenseele die besondere Form, die man da als Haß kennenlernt, annimmt.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p015 · edition original