Vierter Vortrag

GA 184/1918-09-13/p016 ·1918-09-13 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun entsteht allerdings die Frage: Wie ist das Verhältnis des Menschlichen zu diesem Kosmischen? Von einer gewissen Seite her habe ich Ihnen schon etwas darüber angedeutet; wir wollen heute noch einiges Aphoristische dazufügen. Als einsichtige Philologen - heute ist auch die Philologie erstens verabstrahiert, und zweitens ziemlich philiströs geworden -, aber als die einsichtigeren Philologen die Sprachen studierten, welche man bei den sogenannten wilden Menschen in Amerika hatte finden können, als die «Zivilisierten», ich sage das unter Anführungszeichen, in Amerika eingedrungen waren, als also diese Zivilisierten die wilden Amerikaner entdeckt hatten, da fanden die einsichtigeren Philologen, daß es doch merkwürdig sei, was diese wilden Menschen für logisch durchsichtig ausgebildete Sprachen haben! Eine ganze große Anzahl solcher Sprachen fanden sich da, in denen sich, wie die Philologen versichern können und wie es auch wahr ist, die Finessen des Spanischen und Italienischen in der Sprachbildung und Sprachgliederung zusammenfinden. Bei den wilden Eingeborenen Grönlands fand man solche Dinge. Nun ist es ganz zweifellos: jenen Intellekt, auf den der moderne Mensch so stolz ist, den hatten diese Wilden nicht. Dieser moderne Intellekt würde auch nicht sehr weit kommen, wenn er sich auf Sprachbildung und auf Sprachschöpfung einließe; denn was der moderne Intellekt zustande bringt, wenn er sprachschöpferisch auftreten will, davon kann man sich mancherorts hinlänglich überzeugen. Da waltete in der Tat in der Menschenseele, die noch eine wilde war, die noch nicht den gegenwärtigen Intellekt hatte, objektive Vernunft, jene objektive Vernunft, die ich Ihnen auch sonst neulich einmal im Sprachschöpferischen der Menschheit wirksam zeigte. Da waltete Vernunft. Diese Vernunft, die da waltete, die traf den Menschen noch nicht so stark individualisiert, wie die heutige Weltvernunft den Menschen trifft; sie traf den Menschen noch weniger individualisiert, weniger gesondert, und wirkte in ihm noch mehr als kosmische Vernunft. Und so ist es auch in der Entwickelung der Menschheit gekommen. Der Mensch war in jenen alten Zeiten nicht jenes wilde Wesen, von dem die heutige Anthropologie illusionistische Vorstellungen erweckt, sondern er war ein Glied eines Gesamtorganismus — obwohl das natürlich bildlich gesprochen ist - und er individualisierte sich nach und nach. Also er war ein Glied und drückte noch mehr die kosmische Vernunft aus, oder man könnte auch sagen, in ihm drückte sich mehr die kosmische Vernunft aus.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/184/1918-09-13/p016.json
Cite: GA 184/1918-09-13/p016 · edition original