Vierter Vortrag

GA 184/1918-09-13/p022 ·1918-09-13 · original (original)
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Dadurch steht der Mensch selber in einer zwiespältigen Weise in der Weltenordnung drinnen. Und man wird gewiesen auf den Menschen in seiner Zwiespältigkeit, wenn man den ganzen Zusammenhang verstehen will, wenn man vor allen Dingen einen Übergang finden will von dem kosmischen Haß zu dem individuell-seelischen Haß, der in der Menschennatur auftritt. Sie wissen, wenn wir den Menschen so anschauen, wie er heute vor uns steht, so können wir sagen: Vorstellung, Fühlen und Wollen ist sein Wesen. Er gliedert sich uns in vorstellendes, in fühlendes, in wollendes Wesen, die eine Einheit bilden. Aber all das Schöne, das die Philosophie darüber sagt, das kommt ja doch auf keinen grünen Zweig, wenn man nicht auf der andern Seite auch wiederum die Dinge klar und genau unterscheiden kann. Nun werden selbst die etwas begriffsspitzigen Psychologen der Gegenwart darauf aufmerksam, daß man vom Wollen eigentlich nichts Rechtes weiß. Ich habe Ihnen ja das Wesen des Wollens auseinandergelegt; heute genügt es, darauf hinzudeuten, daß auch die Psychologie der Gegenwart sich sagen muß, vom Wollen weiß man nichts Rechtes. Das Wollen wird ja eigentlich auch im wachen Menschenleben seiner Entität, seiner Wesenheit nach verschlafen. Man könnte auch sagen, der Mensch reicht nicht hinunter mit seiner Seele zum Wollen. Er glaubt - ich habe das bei der Besprechung des Augustinus auseinandergesetzt an einer konkreten Tatsache -, er glaubt, dieser Mensch, drinnenzustehen in der Wesenheit selbst, indem er vorstellt; das kann er aber nicht bezüglich des Wollens sagen. Denn wie sich irgendeine gewollte Absicht verknüpft auch nur mit dem komplizierten Mechanismusorgan der Handbewegung oder des Gehens der Beine, davon weiß der Mensch ebensowenig im wachen Leben, wie er weiß von seinem Leibe, wenn er schläft, oder von seiner Umgebung, wenn er schläft. Das Wollen wird eigentlich verschlafen vom gegenwärtigen Menschen. Dringt man nun vor durch die Methode der Geisteswissenschaft vom bloßen Vorstellen zum Wollen, so lernt man aus den Tatsachen heraus, allerdings aus den geistigen Tatsachen heraus, begreifen, wie es kommt, daß der Mensch sein Wollen heute verschläft.

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Cite: GA 184/1918-09-13/p022 · edition original