Vierter Vortrag

GA 184/1918-09-13/p023 ·1918-09-13 · original (original)
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Mit unserem Denken, mit unserem Intellekt als Menschen wären wir eigentlich sehr schlimm daran, wenn nicht der andere Umstand wäre, den ich erwähnt habe, und den ich gleich nachher weiter ausführen werde. Mit unserem Denken wären wir eigentlich sehr schlimm daran, denn unser Denken bleibt im Grunde genommen immer mit Bezug auf unser menschliches Wesen kindlich. Unser Denken erwirbt sich im Laufe unseres Lebens zwischen Geburt und Tod einiges Wissen über die unmittelbare Gegenwart der Welt; über Vergangenheit und Zukunft nichts, oder höchstens etwas in Hypothesen, die aber gleich zerfallen, wenn man sie nur wirklich ernstlich anfaßt. Dieses Denken, das ist eben Zukunftskeim. Und so wenig der Keim in der Pflanze heute etwas ist, was in der Wirklichkeit der Pflanzenwelt schon eine Bedeutung hat, sondern im besten Falle erst im nächsten Jahre haben wird, ebensowenig hat das heutige Denken schon einen Wirklichkeitswert. Es verhält sich zu dem, was es seinem Wirklichkeitswert nach sein kann, so, wie das kleine Kind sich zum Menschen verhält. Das Denken ist eigentlich ganz für die Zukunft angelegt; aber erst das, was so daraus wird, wie aus dem Pflanzenkeim die Pflanze wird, das wird in der Zukunft eine reale Bedeutung haben. Der eigentliche Inhalt, die Substanz des Denkens, hat heute nur einen Keimwert. Steigen wir aber geisteswissenschaftlich ins Wollen hinunter und versuchen wir, das Subjekt des Wollens zu erkennen — Wollen ist ja nur eine Tätigkeit -, aber versuchen wir, das Subjekt unseres eigenen Wollens zu erkennen, dann ist das Wollen etwas, das in sich trägt das Bewußtsein von fernster Vergangenheit, kosmischer Vergangenheit. Sie können niemals mit dem Intellekt, ohne durch Imagination, Inspiration und Intuition sich in das Wollen hineinzustellen, irgend etwas über die Evolution der Welt verstehen; denn nur im menschlichen Wollen, das zu gleicher Zeit den ganzen menschlichen Organismus aufbaut, liegt ein Subjekt, welches, so wie Sie das Gedächtnis in bezug auf Ihr gewöhnliches Leben haben, so das Gedächtnis über die kosmische Vergangenheit hat.

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Cite: GA 184/1918-09-13/p023 · edition original