Vierter Vortrag
Das ist der Unterschied zwischen dem menschlichen Intellekt und dem menschlichen Wollen, daß der menschliche Intellekt höchstens ein Gedächtnis für das persönliche, individuelle Leben entwickelt, daß das Wollen, zu dem der Mensch mit seinem Intellekt nicht hinunterreicht, das Gedächtnis der kosmischen Vergangenheit hat. Der Mensch trägt in sich das Gedächtnis der kosmischen Vergangenheit, aber er kann es zunächst, ohne geisteswissenschaftliche Forschung, mit seinem Intellekt nicht erreichen. So kann man sagen, auf der einen Seite steht der Mensch da als wollendes Wesen, trägt in sich, wenn ich das Gedächtnis nennen darf — es ist nur bildlich gesprochen -, das Gedächtnis der kosmischen Vergangenheit. Er steht da als intelligentes Wesen, trägt in sich als intelligentes Wesen nur die Gegenwart, weil der Intellekt nur Keim ist für die Zukunft, noch nicht etwas Gegenwärtiges. Wie der Pflanzenkeim - ich muß es immer wieder sagen — noch nichts Gegenwärtiges ist, sondern etwas Zukünftiges, so ist der Intellekt im Verhältnis zum Wollen geradeso wie der kleine Pflanzenkeim zu der ganzen Pflanze. Indem wir Wollende sind, stehen wir allerdings als kosmische Menschen durch das Individuelle auf dem Boden der ganzen Vergangenheit; indem wir intelligente Menschen sind, stehen wir in der Gegenwart da und bereiten uns vor, in die Zukunft hinüberzuwachsen.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p024 · edition original