Vierter Vortrag
Das Leben verläuft nicht in einem Urbrei, sondern verläuft differenziert und individualisiert. Dasjenige, was eine Zukunft anstreben muß, muß von vorneherein differenziert angestrebt werden. Heute ist noch immer die Unart vielfach vorhanden, alles, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, über einen Leisten zu schlagen. Wenn heute einer eine politische Theorie hat, so bildet er ungefähr nach dieser politischen Theorie auch alles andere aus, Weltanschauungen und so weiter. Wenn heute einer philosophische Anschauungen hat, so verwendet er sie auch als Politik und so weiter, schlägt alles über einen Leisten, und zwar über denjenigen gerade, den der Betreffende als seinen Lieblingsleisten handhabt. Das ist so in unserer heutigen Zeit. Das Leben verläuft differenziert. Illusionsfrei ist nur derjenige Mensch, der weiß, wie das Leben differenziert verläuft. Die Zukunft strebt nicht nach einem Urbrei des Lebens, sondern nach einer starken Gliederung: nach dem geistigen Leben als Wissenschaft, einem gewissen inneren Leben, von dem man sich heute noch wenig eine Vorstellung macht, und das man nach den Gepflogenheiten der alten Zeiten ein religiöses Leben nennen kann, und nach dem politischen Leben. Wirft man die Dinge durcheinander, will man das eine nach dem andern regeln, dann verfällt man in solche Fehler, wie die sind, die ich Ihnen im vorigen Jahre, oder gar vor zwei Jahren, hier einmal charakterisiert habe. Denn die Dinge gehen in getrennten Strömungen: Auf der einen Seite das soziale Leben nach dem Sozialismus, auf der andern Seite das religiöse Leben nach der Gedankenfreiheit, und das wissenschaftliche Leben nach der Pneumatologie, nach der Geist-Erkenntnis. Nur in dem lebendigen Zusammenwirken der drei wird die Zukunft eine gewisse Heilkraft für die menschliche Entwickelung haben, nicht ein Paradies auf Erden, das gibt es nicht, aber eine gewisse Heilkraft. Aber gar nicht gut wäre, wenn man etwa das äußere Leben pneumatologisch vorstellte, religiöse Sekten gründen will, diese mit pneumatologischem Leben durchziehen wollte, also Politik treiben würde vom Standpunkte der Pneumatologie. Das würde nichts sein. Ebenso würde es nichts sein, wenn man im alten Sinne in Religionsgemeinschaften Politik treiben würde. So wenig die Hände das verrichten können, was das Haupt des Menschen verrichten kann, so wenig die Beine das verrichten können, so wenig kann Pneumatologie dasjenige leisten, was Sozialismus leisten soll, oder Religion dasjenige leisten, was der Sozialismus leisten soll, oder was Pneumatologie leisten soll. Auf Differenzierung gewisser Dinge, aber jetzt nicht theoretisch bloß, sondern auf Differenzierung im Leben von gewissen Dingen kommt es an. Und das ist dasjenige, womit ich diese Betrachtungen heute schließen und morgen fortsetzen will. Sie sollen ja, wie gesagt, nur aphoristisch sein, sollen einiges Neue beibringen zu den Grundfragen, die uns jetzt beschäftigen.
Cite:
GA 184/1918-09-13/p040 · edition original