Achter Vortrag
Ebenso wie der Mensch nichts ahnen will im Zeitalter des Materialismus von seinem Leiblich-Seelischen, das in der Zeit verläuft, so will der Mensch nichts wissen von diesem Geistig-Seelischen, das im Reich der Dauer spielt, das aber ganz anders aussieht als sein Denken, Fühlen, Wollen im gewöhnlichen Leben, und das sich, wenn man es wirklich betrachtet, abspielt als Geisteskämpfe. So paradox es für den materialistisch denkenden Menschen klingt: Wenn Sie einen Gedanken fassen, ist es etwas ganz anderes als dasjenige, als was Sie es selber in der Maja ansehen. Nehmen wir nur an, Sie fassen einen Gedanken, sagen wir wie einen derjenigen, die wir gestern erwähnt haben: Sie fassen den Gedanken an den Raum. In dem Augenblick, wo Sie an den Raum denken - auch nur in der Abstraktheit, wie die Gegenwart an den Raum denkt -, in dem Augenblicke, wo Ihr Geist sich mit dem Raumgedanken erfüllt, stecken Sie mit Ihrer Seele in einer geistigen Region drinnen, wo Ahriman einen mächtigen Kampf kämpft gegen andersgeartete Hierarchien. Und Sie könnten den Gedanken an den Raum nicht haben, ohne daß Sie lebten in einer Region, wo Ahriman gegen andere Hierarchien kämpft. Und wenn Sie ein Wollen entfalten, wenn Sie zum Beispiel sagen: Ich will spazierengehen! - selbst wenn es ein so unbedeutendes Wollen ist, sobald Sie dieses Wollen in die Tat umsetzen, stecken Sie geistig in einer Region drinnen, wo die luziferischen Geister kämpfen gegen Geister anderer Hierarchien. Das Weltengeschehen ist eben, vom Gesichtspunkte der Wissenschaft der Initiation betrachtet, etwas wesentlich anderes als der schattenhafte Abglanz, den wir von ihm wahrnehmen, indem wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in der Maja leben. Denn dasjenige, was wir als Maja so wahrnehmen, das ist nichts anderes als ein Etwas, das sich vergleichen läßt mit dem Wellenkräuseln an der Oberfläche des Meeres. Ich habe Ihnen gestern das Bild dargestellt: Das Wellenkräuseln an der Oberfläche des Meeres, es ist eigentlich im Grunde genommen etwas, was nicht da wäre, wenn nicht unter ihm das Meer wäre, über ihm die Luft. Die Kräfte, welche dieses Wellenkräuseln hervor rufen, sind innerhalb des Meeres, sind in der Luft, und das Wellenkräuseln ist nur das Abbild desjenigen, was an Kräften von oben und unten zusammenschlägt. So ist unser Leben in der Maja zwischen Geburt und Tod nichts anderes, als was zusammenschlägt aus diesen Geisterkämpfen, die sich in Wahrheit, wenn wir denken, fühlen oder wollen, im Reiche der Dauer abspielen, und aus jenem Entwickelungsverlaufe in der Zeit, der sich so abspielt, daß wir erst im späten Alter dasjenige erfassen, was wir in der Jugend ausdenken. Unser Leben ist im Grunde ein Nichts, wenn wir es nicht aus dem Zusammenfluß und Zusammenschluß dieser beiden wahren Wirklichkeiten betrachten. Hinter unserem Leben sind diese beiden wahren Wirklichkeiten.
Cite:
GA 184/1918-09-21/p009 · edition original