Zehnter Vortrag

GA 184/1918-10-04/p025 ·1918-10-04 · original (original)
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Nun bitte ich Sie, sich an diejenige Betrachtung zu erinnern, die ich angeknüpft habe, nicht zu Ihrem Troste, sondern aus der Sache heraus, nachdem ich ausgeführt habe, daß der Mensch eigentlich zur Selbsterkenntnis erst gescheit wird in der zweiten Hälfte seines Lebens. Ich habe gesagt: Insofern unser Leben einen solchen zeitlichen Verlauf hat, und wenn es nur diesen zeitlichen Verlauf hätte und nichts anderes auf uns wirkte, so könnten wir in der Tat zur Selbsterkenntnis erst kommen in unserer zweiten Lebenshälfte. Aber nun wirken, sagte ich dazumal, in der ersten Lebenshälfte luziferische Kräfte und erzeugen eine Selbsterkenntnis, die nicht aus unserer ureigenen Menschennatur folgt. Ich habe aber entgegengestellt dem, was das menschliche Leben wäre, wenn es nur seiner ureigenen Natur folgte, dasjenige, was ich genannt habe das Reich der Dauer. In bezug auf alles dasjenige, was zu der ureigenen Menschennatur gehört, sind wir als Fünfzigjähriger ein anderer Mensch, als wir als Zwanzigjähriger sind; wir entwickeln uns. Mit Bezug auf alles dasjenige, in dem wir uns nicht entwickeln, gehören wir nicht unserer Leiblichkeit, sondern dem Geistig-Seelischen an und hängen zusammen mit dem Reich der Dauer, mit jenem Reich, in dem die Zeit keine Rolle spielt. So wie zugrunde liegt allem Räumlichen ein Raumloses, so liegt zugrunde allem Zeitlichen ein Dauerndes. Wir wären ganz andere Menschen, wenn wir nicht zusammenhingen mit dem Reich der Dauer. Wir würden gewissermaßen mit dem achtundzwanzigsten oder neunundzwanzigsten Jahre erst, wie ich vor einiger Zeit sagte, aus einer gewissen Lebensträumerei heraus aufwachen. Aber wir leben im Reich der Dauer, und so wird ausgeglichen das Hindösen der ersten Lebenshälfte und das furchtbare Gescheitsein in der zweiten Lebenshälfte durch das Reich der Dauer.

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Cite: GA 184/1918-10-04/p025 · edition original