Zehnter Vortrag

GA 184/1918-10-04/p039 ·1918-10-04 · original (original)
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Wenn Sie gerade bei den von der Geschichte verzeichneten hervorragenderen Persönlichkeiten sich die Bilder ansehen, welche deren Formgestaltung als ähnlich dem Vorfahren erscheinen lassen, so werden Sie überall sehen, daß zu gleicher Zeit in der Biographie seelische Eigenschaften verzeichnet sind — und die gerade vererbte Eigenschaften sind -, die sich auflehnen gegen diejenigen, von denen diese Formähnlichkeiten hergekommen sind. Dies ist wesentlich eines der Geheimnisse des Lebens. Und es würden Vorfahren ihre Nachkommen, es würden Eltern ihre Kinder viel, viel besser verstehen, wenn sie in völliger Vorurteilslosigkeit solch ein Faktum ins Auge fassen könnten. Wenn zum Beispiel - verzeihen Sie, daß ich solche Dinge sage, aber wir sind ja nicht in einer Philistergesellschaft - eine Mutter ein Söhnchen hat, das ihr ganz besonders ähnlich ist, so kann sie sich darüber freuen, daß ihr das Söhnchen ähnlich ist; aber für die Erziehung könnte es sehr nützlich sein, wenn sie sich nun sagt: Was wollen sich da in diesem Söhnchen für Eigenschaften entwickeln, die ähnlich denen sind, weswegen ich mich mit meinem Manne so oft zanken muß? — Auf solche konkreten Impulse, die im Leben eine ungeheure Bedeutung haben, sollte man den Blick richten. Man wird die Erkenntnis solcher Impulse für die Erziehungsaufgabe der Zukunft, der zukünftigen menschlichen Entwickelung, ganz besonders nötig haben. Denn man wird nicht aus abstrakten Grundsätzen heraus in der Zukunft erziehen können, sondern man wird nach Unterlagen, nach empirischen, konkreten Unterlagen erziehen müssen. Und diese konkreten, empirischen Unterlagen ergeben sich nicht, wenn man das Leben nicht lesen kann. Man muß es lesen können; aber dazu muß man die Buchstaben kennen. Im Konkreten sind es ja, wie Sie wissen, viel mehr, aber zum notwendigsten Buchstabieren für die nächste Zukunft genügt schon, wenn man die drei Buchstaben: die normale Entwickelung, das Ahrimanische und das Luziferische kennt. Aber wer sie nicht kennt, kann nicht lesen, so wie derjenige, der nicht das Abc kennt, kein Buch lesen kann. Das sind einfach die Buchstaben, durch die man das Leben kennen, das Leben lesen lernt. Und der Geist des Utopischen, der in der Menschheit so vielfach verbreitet ist, er wird sich nur besiegen lassen dadurch, daß man das Leben wird lesen lernen. Dann muß man sich aber einlassen darauf, die im Leben spielenden Kräfte zu studieren.

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Cite: GA 184/1918-10-04/p039 · edition original