Dreizehnter Vortrag

GA 184/1918-10-11/p006 ·1918-10-11 · original (original)
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Mit großem Stolze, mit einem wahren Hochmut redet man ja in der neueren Zeit in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseele von dem naturwissenschaftlichen Zeitalter. Man hat mit diesem Reden in einem gewissen Sinne recht, denn nicht nur diejenigen, die heute naturwissenschaftlich gebildet sind, leben in diesem naturwissenschaftlichen Zeitalter, sondern es leben unter den gebildeten Menschen weitaus die meisten in der naturwissenschaftlichen Strömung des Zeitalters; denn es kommt nicht darauf an, um im naturwissenschaftlichen Zeitalter zu leben, ob man denkt, wie heute Botaniker über die Pflanzen, Zoologen über die Tiere, Anthropologen über die Menschen denken, es kommt nicht darauf an, daß man mehr oder weniger von der Anthropologie, der Botanik, der Zoologie weiß, sondern es kommt darauf an, daß man seine Gedanken über die Welt so ausbildet, daß sie in der Richtung des naturwissenschaftlichen Denkens liegen. Und diese Richtung des naturwissenschaftlichen Denkens, die schlagen eigentlich die meisten Menschen ein, die heute irgend etwas sogar nur mit Schulbildung zu tun haben, die also nicht Analphabeten oder nahezu Analphabeten sind. Also die Menschen, die heute überhaupt in Betracht kommen, sie schlagen eine naturwissenschaftliche Denkungsart ein; daran hindert sie nicht, daß sie manchmal fleißig in die Kirche gehen, den Predigten zuhören, daß sie, wie man sagt, religiös, fromm sind. Denn fragen Sie sich nur einmal, wieviel diese religiöse Frommheit heute noch wirkt im allgemeinen Menschenleben, selbst wenn man glaubt, noch so fromm zu sein oder sein zu sollen? Auf die Gedanken über die Welt haben die religiösen Empfindungen, die in diesem oder jenem Religionsbekenntnis entwickelt werden, außerordentlich wenig Kraft, einzuwirken. Überall im äußeren Leben, in weitesten Kreisen der heutigen Bevölkerung, denkt man eben naturwissenschaftlich orientiert. Das Religiöse ist mehr oder weniger für die meisten Menschen der Gegenwart nur eine Beigabe. Man kann also schon sagen, das neuere Zeitalter der Bewußtseinsseele ist stolz, ja hochmütig auf seine naturwissenschaftlichen Errungenschaften und die damit zusammenhängende naturwissenschaftliche Richtung seines Denkens, und es sieht dieses Zeitalter mit einem gewissen Hochmut auf frühere Zeitalter hin.

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Cite: GA 184/1918-10-11/p006 · edition original