Dreizehnter Vortrag
Nun, wir bilden uns ja auch Vorstellungen aus unserem Bewußtsein heraus, wenn wir so recht moderne, selbstzufriedene, aufgeklärte, gescheite Menschen sind; wir bilden uns Vorstellungen über die Natur. Aber wenn man diese ganze Vorstellungswelt über die Natur nimmt und sie prüft, vorurteilslos prüft, dann findet man, daß wir zwar die Vorstellungen haben, aber daß wir die Natur in diesem Vorstellen nicht einfangen können. Es bleiben, wie die Leute dann sagen, Grenzen des Naturerkennens. Ich habe öfter einen Philosophen der Gegenwart angeführt, der ja als philosophischer Schriftsteller wenig bekanntgeworden ist, aber der manches ausgeschwatzt hat von dem, was die andern nicht ausschwatzten, weil sie es nicht so tief untersucht haben: Richard Wahle, der zwei große Bücher und allerlei kleine geschrieben hat, ein großes Buch schon in den neunziger Jahren, welches heißt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende»; und vor einigen Jahren hat er das Buch geschrieben «Über den Mechanismus des geistigen Lebens». Dieser Richard Wahle ist ein Mensch, den man einen Exponenten der Menschen der Gegenwart nennen könnte, man könnte sagen, wie Richard Wahle denkt, so denken eigentlich alle Menschen, die in naturwissenschaftlicher Weise orientiert sind. Sie denken so wie er; nur zieht er die letzten Konsequenzen, und so tritt denn bei ihm der sonderbare, krasse Fall ein, daß er Professor der Philosophie wurde, und über das Ende der Philosophie gleich ein dickes Buch schrieb, ein Buch, in dem er den Beweis zu führen suchte aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus, daß es keine Philosophie geben soll. In diesem seinem Bande: «Über den Mechanismus des geistigen Lebens» drückt sich dieser Professor der Philosophie und philosophische Schriftsteller ganz sonderbar über seine Kollegen, die Philosophen aus. Er sagt nämlich über seine Kollegen so ungefähr: Die Philosophen glichen und die Philosophie gleiche einem Restautant; früher seien Köche und Kellner herumgestanden und hätten ungenießbare Speisen bereitet und an die Gäste abgegeben; jetzt stünden sie herum und hätten überhaupt nichts zu tun. Also dieser eine Koch oder Kellner oder Philosoph, der sagt, daß die Philosophie mit einem Restaurant zu vergleichen sei, in dem früher lauter ungesunde Speisen fabriziert wurden von Köchen und Kellnern - von Kollegen dieses Philosophen - und jetzt ist die Sache gar so weit gekommen, daß nicht einmal mehr ungesunde Speisen durch die Philosophenköche der Gegenwart gekocht werden, sondern daß die Köche und Kellner herumstehen. Er muß sich natürlich, da er ein solcher Koch oder Kellner oder Philosoph ist, selbst so vorkommen, daß er eigentlich höchst unnötig herumsteht. Da hat er sich denn in seinen beiden Büchern eine letzte Aufgabe, wie er glaubt, gestellt; nachher soll es keine Philosophen mehr geben, er soll der letzte sein. So ungefähr ist der tiefere Gehalt seiner Bücher. Er soll der letzte sein, denn er hat sich nun die Aufgabe gestellt - ja, wie soll ich diese nun charakterisieren? Richard Wahle also als einer der Kellner oder Köche unter den andern Köchen oder Kellnern, die früher ungesunde Speisen der Philosophie fabriziert und jetzt überhaupt nichts mehr zu tun haben, ist unter diesen Köchen und Kellnern damit beschäftigt, ein Gift zu fabrizieren, woran sie alle verenden! Das ist ein außerordentlich interessantes Schauspiel! Und wenn man gewöhnt ist, die Geschichte in ihrer Entwickelung symptomatisch zu betrachten, so ist es ein ernstes und sehr bemerkenswertes Symptom der Gegenwart. Denn scharfsinnig und tief eingedrungen in die Probleme des naturwissenschaftlichen Denkens ist dieser Philosoph.
Cite:
GA 184/1918-10-11/p011 · edition original