Dreizehnter Vortrag

GA 184/1918-10-11/p015 ·1918-10-11 · original (original)
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Die Evolutionslehre, die Goethesche Entwickelungslehre, ist nicht falsch, sondern sie tendiert nach dem Richtigen, weil sie die Menschen als Wirklichkeit erfassen will. Die materialistische, darwinistisch gefärbte Evolutionslehre, die redet von der Abstammung des Menschen von den Tieren. Aber die Sache ist diese, daß etwas in uns schon abstammt von den Tieren, oder wenigstens eine gemeinschaftliche Abstammung von den Tieren hat, doch das sind wir nicht als Menschen, sondern das ist das Gespenst, das die Naturwissenschaft von uns kennt. Erst macht die Naturwissenschaft auch den Menschen zum Gespenst, indem sie nur von seiner Gespensterscheinung weiß, und dann frägt sie: Woher stammt dieses Gespenst? Erst wenn man darauf kommen wird, daß nicht der Mensch, sondern sein Gespenst so behandelt werden kann, wie die moderne Naturwissenschaft das tut, dann wird man auf diesem Felde das Richtige treffen. Aber man muß leben, und Sie werden mir ohne weiteres zugeben: So wie Sie hierher gegangen, hierher gekommen sind, wären Sie nicht hierher gekommen, wenn Sie bloß den Homunkulus, das Gespenst hergeschickt hätten, als welches Sie sich nach naturwissenschaftlichen Vorstellungen vorstellen müssen. Und säßen nur die Homunkuli da, die in Ihrem Bewußtsein von Ihnen selber leben, dann würde ich auch nicht zu diesen Homunkuli sprechen können! Sie tragen schon Ihren wirklichen Menschen hierher, aber nicht im Bewußtsein. Wohl aber muß das Zeitalter der Bewußtseinsseele den wirklichen Menschen ins Bewußtsein hereinkriegen. Es muß aufrücken vom Homunkulus zum Homo. Wenn das nämlich nicht geschähe, so würde der Mensch dahin kommen, auch den polarischen Gegensatz von seinem Gespenstischsein zu erleben. Wenn man sich nicht als Gespenst nimmt, sondern in seiner Wirklichkeit, wie es die Alten getan haben - die sich zwar als Gespenster vorgestellt haben, aber weil sie atavistische Kräfte in sich hatten, konnte die Wirklichkeit in sie noch hinein, während in den heutigen Menschen nur das herein kommt, was durch seine Bewußtseinsseele kommen kann -, wenn man aber in der Bewußtseinsseele nur das Gespenst vom Menschen hat, dann kommen durch diese Bewußtseinsseele moralisch-spirituelle Impulse nicht herein. Und wenn Sie sich die Begleiterscheinungen der gespenstischen Naturwissenschaft anschauen, ja, dann finden Sie schon, daß dieses neuere Zeitalter, das eine gespenstische Naturwissenschaft hat, niemals eigentlich gelten lassen will, daß aus der geistigen Welt selber Impulse herankommen für das sittliche Handeln. Diejenigen sittlichen Impulse, mit denen die heutige Menschheit arbeitet, sind uralt, stammen noch aus atavistischen Zeitaltern; denn die heutige Menschheit will nicht den Geist fragen, wenn Impulse für das Handeln herauskommen, sondern sie will die Natur fragen. Sie will fragen: Was ist die menschliche Natur? Was sind da für Triebe in der menschlichen Natur?

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Cite: GA 184/1918-10-11/p015 · edition original