Sechster Vortrag
Nun, diese kriegerische Katastrophe wird sich noch in allerlei verwandeln. Aber jetzt schon hat die Wirklichkeit hinlänglich gezeigt, daß dieser Trotzkische Gedanke eben wirklichkeitsfremd ist. Er wäre nur dann real, wenn diese kriegerische Katastrophe mit der allgemeinen Erschöpfung geendet hätte, wenn nicht ein so eklatanter, sogenannter Sieg — er ist ja auf sonderbare Weise zustande gekommen von der einen Seite erreicht worden wäre, ein Sieg, der einfach diese Hoffnung aus der Welt schafft, daß eine Erschöpfung gleichmäßig über die zivilisierte Welt eintreten würde. Das, was eintritt, ist eine entschiedene Hegemonie der Westmächte bei einer vollständigen Abhängigkeit der Mittel- und Ostmächte. Eine vollständige Beherrschung der Mittel- und Ostmächte durch die Westmächte, das ist es, was zunächst sich als treibende Kraft herausgestellt hat, was ja auch nicht anders werden konnte. Für denjenigen, der die Wirklichkeit auf diesem Gebiet durchschaut, war das klar. Aber Trotzki ist eben ein wirklichkeitsfremder Geist, sonst müßte er sich heute sagen: Die Ereignisse haben mich widerlegt. - Er hat ein Wort gesprochen, das nicht unbegründet ist, wenn man bloß abstrakt denkt, das sehr geistreich ist. Er hat gesagt: Die bourgeoise Lebensauffassung der Gegenwart habe keine andere Wahl als die zwischen Dauerkrieg und Revolution. Die Sache ist anders geworden. Es ist ein sogenannter Sieg der Westmächte eingetreten, weder Dauerkrieg noch Revolution. Und in dem, was sich im Westen vorbereitet, liegt auch keine Keimanlage zu irgendeiner proletarischen Revolution, sondern es liegt darin eben die Ausgestaltung des ganzen Westens zu einem staatlich organisierten Großbourgeoistum, das dem Proletariertum von Mittel- und Osteuropa entgegensteht.
Cite:
GA 186/1918-12-08/p012 · edition original