Sechster Vortrag
Noch anders ist es bei der eigentlich slawisch sprechenden Bevölkerung. Ich sagte schon: Eingesprengt sind in einer gewissen Weise die westlichen Slawen in die deutsch sprechende, mitteleuropäische Bevölkerung. So wie das Romanentum der Schatten der Vergangenheit ist, so sind die eingesprengten Westslawen, mit denen die deutsch sprechende Bevölkerung nach Osten hin in Zusammenhang gebracht worden ist, das Wetterleuchten dessen, was in der Zukunft aus dem Slawentum hervorgehen soll. Dadurch zeigen sie in einer gewissen entgegengesetzten Art dasjenige, was die romanische Bevölkerung innerhalb der englisch sprechenden zeigt. Die Westslawen sind ja auch im Zeitalter der Bewußtseinsseele für die Intellektualität organisiert, aber sie mystifizieren sie, sie bilden sie in Mystik um. Die Deutschen sind apolitisch. Die Westslawen sind auch apolitisch, aber sie tendieren nach einem Heruntertragen der geistigen Welt in die physische Welt, sie machen das schon aus dem heutigen Leben heraus. Dadurch haben sie die entgegengesetzte Eigenschaft wie zum Beispiel die Franzosen oder die Italiener. Die Italiener und die Franzosen sind in ihrer Politik von dem abhängig, wie sie den andern gefallen, die Politik Englands wird als selbstverständlich akzeptiert, ob sie gefällt oder nicht gefällt. Die Politik Frankreichs hing davon ab, wie die Franzosen den Menschen gefielen, davon war die Wirksamkeit dessen, was sie taten, abhängig. Sie gefielen ja sehr zu gewissen Zeiten. Bei den Westslawen ist das anders. Ihre Politik ist davon abhängig, wie ihre Geistnatur unsympathisch wirkt auf die deutsch sprechende Bevölkerung. Die sind von dem, wie sie nicht gefallen, abhängig. Und Sie können das Schicksal der Tschechen, Polen, Slowenen, der Serben, der Westslawen studieren: das ist gegeben dadurch, inwiefern sie unsympathisch sind, nicht gefallen der mitteleuropäischen Bevölkerung. Das Verhältnis zu den Franzosen oder Italienern oder Spaniern ist danach gegeben, wie sie gefallen; das Verhältnis zu den Polen, Slowenen, Tschechen, Serben ist dadurch gegeben, wie sie nicht gefallen. Studieren Sie die Geschichte, so werden Sie diesen Satz in einer wunderbaren Weise bestätigt finden, weil das eine mit der Vergangenheit, das andere mit der Zukunft zusammenhängt.
Cite:
GA 186/1918-12-08/p037 · edition original