Achter Vortrag
Die Gedanken, die ich Ihnen jetzt entwickelt habe, die also auch bei den bürgerlichen Volkswirtschaftern seit dem Beginne des Bewußtseinszeitalters auftreten, sie werden aufgenommen von dem sozialistischen Denken. Sie werden aber von dem sozialistischen Denken ebenso umgeprägt, wie sie der Proletarier aus seiner proletarischen Kaste heraus nach seiner Meinung notwendig denken muß. Da tritt das Eigentümliche zutage, daß dieser Gedanke: Innerhalb der modernen kapitalistischen sozialen Struktur muß der Mensch seine Arbeitskraft als Proletarier verkaufen - theoretisch weiter ausgebildet, der treibende Motor des proletarischen Denkens wird, daß der Gedanke auftaucht: Wie ist das zu vermeiden, daß die Arbeitskraft wie eine Ware auf den Markt gebracht und verkauft werden kann? - Natürlich wirkt in diesen Impuls hinein die Anschauung, die sich auch klar formuliert bei Adam Smith und bei anderen findet, daß man es in der Ware, die man kauft, mit aufgespeicherter Arbeitskraft zu tun hat. Es ist ein ungeheuer plausibler Gedanke, ein Gedanke, der sich dann zu der Konsequenz erweitert: Ja, was läßt sich da überhaupt machen? - Wenn ich irgendeinen Rock kaufe, so ist die Arbeit, die der Schneider verwendet hat, oder derjenige, der daran beteiligt war, daß der Rock zustandegekommen ist, drinnen in dem Rocke: aufgespeicherte Arbeit. Es wird daher die Frage gar nicht so ins Auge gefaßt: Kann man die Arbeit von der Ware loslösen? — sondern das wird als etwas, ich möchte sagen, Axiomatisches, als etwas Selbstverständliches angesehen, daß unzertrennlich die Arbeit mit der Ware verbunden ist. Man sucht also nach einer sozialen Struktur, die für den Arbeiter diese unumstößliche Tatsache möglichst unschädlich machen soll, daß die Arbeit mit dem Produkte der Arbeit verbunden bleibt. Unter solchem Einflusse ist eigentlich der Marxismus entstanden, ist der Glaube entstanden, daß man nur dadurch, daß man das Produktionsmittel in die Allgemeinheit überführt, also in einer gewissen Weise die Allgemeinheit zum Besitzer der Produktionsmittel, der sämtlichen Maschinen und des Grund und Bodens und der Verkehrsmittel macht, daß man nur dadurch in einer gewissen Weise eine gerechte Entlohnung herbeiführen kann. Es entstand gar nicht die Frage: Kann man die Ware unabhängig machen von der Entlohnung? - sondern: Wie kann man eine gerechte Entlohnung herbeiführen, wenn man axiomatisch, selbstverständlich annehmen muß, daß die Arbeit in die Ware hineinfließt? — Das ist die Fragestellung, und mit der hängt alles übrige zusammen. Mit ihr hängt sogar die materialistische Auffassung der Wirtschaftslehre, die extreme materialistische Geschichtsauffassung zusammen. Die bestehen ja, wie ich Ihnen auch schon ausführte, darin, daß der moderne Proletarier denkt: Alles, was innerhalb der Menschheitskultur wirkt, alles geistige Erzeugnis, alles Denken, alle Politik, alles überhaupt, was nicht auf wirtschaftlichen Vorgängen beruht, ist nur ein Überbau, eine Ideologie, die sich auf der Grundlage desjenigen aufrichtet, was wirtschaftlich erarbeitet wird. Wirtschaft ist das Reale. Die Art, wie der Mensch in die wirtschaftliche Struktur hineingestellt ist, das ist das Reale im Menschenleben. Was er dann für Gedanken hat, das ergibt sich aus seinem wirtschaftlichen Zusammenhang. Solche Leute, die ganz stramme Marxisten sind, wie zum Beispiel Franz Mehring, die schreiben über Lessing das ist nur ein Beispiel -, indem sie untersuchen: Wie war das Wirtschaftsleben in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts? Wie hat man da fabriziert, wie hat man eingekauft? Wie war das Verhältnis vom Gewerbe zu der übrigen Menschheit? Wie hat man infolgedessen gedacht? Wie ist Lessing zustandegekommen? — Diese besondere Persönlichkeit mit ihren Leistungen, Lessing, wird aus dem Wirtschaftsleben der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts heraus erklärt! Kautsky oder andere versuchen sogar, das Auftreten des Christentums von diesem Gesichtspunkte aus zu erklären. Sie untersuchen die wirtschaftlichen Verhältnisse am Beginne unserer Zeitrechnung und stellen fest: Es walteten die und die Produktionsverhältnisse. Das bedingt, daß man damals in einer gewissen Weise das, was sie eine Art kommunistischen Denkens nennen, entfaltete, das dann auf den Namen des Christus Jesus getauft worden ist. Die Wirklichkeit im Beginne unserer Zeitrechnung ist in Wahrheit die wirtschaftliche Ordnung. Das Christentum ist eine Ideologie, ein Überbau, gleichsam ein Spiegelbild unserer wirtschaftlichen Ordnung. Es gibt nichts anderes als wirtschaftliche Ordnung. Das andere ist alles darüber schwebend, Fata Morgana, Spiegelbild, nichts Wirkliches, höchstens etwas, was — wie ich schon in früheren Vorträgen charakterisiert habe — wieder zurückwirkt auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, aber in geringem Maße auf dem Umwege durch menschliche Vorgänge anderer Art.
Cite:
GA 186/1918-12-13/p024 · edition original