Neunter Vortrag
Das bedingt aber, daß man sich schon einmal dazu bequemt, die sogenannten logischen Folgerungen, an die sich das heutige Denken gewöhnt hat, nicht allein nur Beweise zu nennen, sonst wird man nie mit den Dingen zurechtkommen. Auf dem Gebiete, das ich hier nun schon seit Wochen besprochen habe, auf dem Gebiete der sozialen Struktur der menschlichen Gesellschaft, da ergeben sich gar viele Forderungen, einfach aus den Voraussetzungen, die ich Ihnen vorgetragen habe über die dreifache Gliederung der Gesellschaft, die notwendig wird für die Zukunft. Es ergibt sich zum Beispiel daraus ein ganz bestimmtes Steuersystem. Aber dieses Steuersystem kann man eben wiederum nur finden, wenn man die Anschauungslogik zu Hilfe ruft. Mit einer bloßen Gedankenlogik kommt man da nicht zu Rande. Das ist es, was notwendig macht, daß man diejenigen höre, die über diese Dinge etwas wissen; denn wenn die Sache gesagt ist, dann kann der gesunde Menschenverstand, wenn er alle Seiten berücksichtigt, die Sache entscheiden. Der gesunde Menschenverstand, meine lieben Freunde, wird immer ausreichen; der kann immer nachkontrollieren, was der Geistesforscher sagt. Aber der gesunde Menschenverstand ist etwas anderes als die Gedankenlogik, die — namentlich durch die naturwissenschaftlich durchtränkte Denkweise der Gegenwart — heraufgezogen ist. Daraus aber ersehen Sie, daß Geisteswissenschaft selber nicht bloß die Wirkung haben soll auf den Menschen, daß er eine bestimmte Summe von Vorstellungen empfängt und dann glaubt, daß er diese Vorstellungen so behandeln könne wie irgend etwas anderes, was ihm heute durch die Wissenschaft oder dergleichen mitgeteilt wird. Das ist eben durchaus nicht möglich und nicht zu denken. Denn denkt man es, so denkt man in die Irre. Geisteswissenschaft macht, daß die ganze Art zu denken, die Art, die Welt aufzufassen, beim Menschen eine andere wird als sie vorher war, daß der Mensch lernt, nicht nur gründlich einzusehen, sondern auf andere Art einzusehen. Das müssen Sie vor allen Dingen, wenn Sie sich mit der Geisteswissenschaft durchdringen, ins Auge fassen, natürlich ins Seelenauge, daß Sie sich immer fragen können: Lerne ich auf eine andere Weise die Welt anschauen dadurch, daß ich diese Geisteswissenschaft aufnehme - nicht das Hellsehen, sondern die Geisteswissenschaft —, lerne ich auf eine andere Weise die Welt ansehen, als ich sie früher angesehen habe? — Ja, es kann einer, der Geisteswissenschaft als eine Summe von Kompendien betrachtet, sehr vieles wissen; aber wenn er gerade nur so denkt, wie er vorher auch gedacht hat, dann hat er nicht die Geisteswissenschaft aufgenommen. Geisteswissenschaft hat er erst aufgenommen, wenn sich in gewisser Beziehung die Art, die Formation, die Struktur seines Denkens geändert hat, wenn in einer gewissen Beziehung aus ihm ein anderer Mensch geworden ist als er früher war. Das wird einfach durch die Gewalt, durch die Kraft der Vorstellungen, die man durch die Geisteswissenschaft aufnimmt, bewirkt.
Cite:
GA 186/1918-12-14/p007 · edition original