Neunter Vortrag

GA 186/1918-12-14/p009 ·1918-12-14 · original (original)
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Ich habe Sie schon früher einmal auf etwas aufmerksam gemacht, was vielleicht den einen oder den anderen erstaunt hat, was aber tiefer bedacht sein muß. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß die logische Konsequenz, die man geneigt ist, aus gewissen Begriffen oder sogar aus einer Weltanschauung zu ziehen, durchaus nicht immer dasselbe ist, was dem Leben nach aus dieser Weltanschauung folgt. Ich meine folgendes: Irgend jemand kann eine Summe von Begriffen oder sogar eine ganze Weltanschauung haben. Sie können sich diese Weltanschauung rein begriffsmäßig vor Augen führen und dann vielleicht noch andere Konsequenzen daraus ziehen, Konsequenzen, von denen Sie mit Recht voraussetzen, daß sie logisch sind, und Sie können glauben, daß diese Konsequenzen, die Sie logisch daraus ziehen, notwendig aus dieser Weltanschauung folgen müssen. Das ist aber durchaus nicht notwendig, sondern das Leben selber kann ganz andere Konsequenzen daraus ziehen. Sie können höchst erstaunt sein, wie das Leben andere Konsequenzen daraus zieht. Was "heißt das: das Leben zieht andere Konsequenzen? Nehmen wir einmal an, Sie bilden eine Ihnen recht idealistisch erscheinende Weltanschauung aus. Mit Recht, sagen wir, erscheint Ihnen diese Weltanschauung idealistisch. Sie enthält wunderbare idealistische Vorstellungen, wunderbare idealistische Ideen. Es kann der Fall eintreten, je nachdem diese Weltanschauung so oder so ist, daß Sie sie Ihrem Sohn lehren oder Ihren Schülern in einem bestimmten Lebensalter, lassen den Einfluß der Weltanschauung lebensvoll auf sie wirken. Sie selber werden wahrscheinlich nur logische Konsequenzen aus Ihrer Weltanschauung zulassen. Aber senken Sie das in ein anderes Gemüt, betrachten Sie das Leben auch über jene Abgründe hin, wo es von einem Menschen auf den anderen übergeht, so kann nämlich das Folgende eintreten, was Ihnen nur Geisteswissenschaft erklären kann als etwas Notwendiges: Sie bilden aus eine Ihnen idealistisch erscheinende Weltanschauung, die Sie mit Recht zu dem Glauben führt, daß alles, was Sie logisch aus ihr ableiten können, auch wiederum idealistisch, schön und groß sein müßte, und Sie lehren sie einem Sohn oder einer Tochter oder einer Schülerin, und die Betreffenden werden Schlingel, also Halunken. Das kann durchaus sein. Aus Ihrer idealistisch geformten Weltanschauung kann im Leben die Halunkerei folgen.

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Cite: GA 186/1918-12-14/p009 · edition original