Neunter Vortrag

GA 186/1918-12-14/p013 ·1918-12-14 · original (original)
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Berdjajew teilt diese Anschauung nicht nur mit der ganzen Professorenwelt, sondern auch mit der Anhängerschaft der ganzen Professorenwelt, und das ist zum Beispiel die ganze west- und mitteleuropäische Bourgeoisie, der Adel erst recht und so weiter. Berdjajew weiß eben nicht, daß dasjenige, was jetzt in der russischen Volksseele keimhaft ist, gerade deshalb vielfach tumultuarisch und karikiert zum Ausdrucke kommt. In dieser Auffassung der Wahrheit vom Gesichtspunkte des Lebens, die eben heute schief ist, liegt aber auch ein Keim für eine Zukunftsauffassung. In der Zukunft wird sich die Sache schon richtigstellen. Denn wenn erst gediehen sein wird, was sich heute keimhaft vorbereitet: das Hingelenktsein der menschlichen Entwickelung zum Geistselbst, dann wird in der Tat das, was man heute Wahrheit nennt, eine ganz andere Gestalt haben. Und ich habe Sie heute auf einige Eigentümlichkeiten aufmerksam gemacht. Diese Wahrheit wird dem Menschen zum Beispiel zum Bewußtsein bringen - was der heutige Mensch gar nicht einsehen kann -, daß die Tatsachenlogik, die Wirklichkeitslogik, die Anschauungslogik eine andere ist als die bloße Begriffslogik. Und noch andere Rigenschaften wird diese umgeformte Wahrheitsvorstellung haben. Das ist das eine, was Sie bei Berdjajew auftreten sehen und was sehr merkwürdig ist, weil es zeigt, wie wenig solch ein Schriftsteller in dem steckt, was der eigentliche Sinn der Evolution unserer Zeit ist, den er sehr gut gerade bei seinem Volk wahrnehmen könnte, aber unter diesem Vorurteil nicht anerkennen kann.

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Cite: GA 186/1918-12-14/p013 · edition original