Neunter Vortrag

GA 186/1918-12-14/p015 ·1918-12-14 · original (original)
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Wenn man Avenarius und Mach gesagt hätte, daß ihre Philosophie ausgerechnet von solchen Leuten akzeptiert werde, wie es die Bolschewisten sind, so würden sie noch viel ärger erstaunt gewesen sein als Berdjajew. Sie würden, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, an den Wänden hinaufgekrochen sein — beide sind ja schon tot -, wenn sie sich hätten vorstellen sollen, als offizielle Philosophen der Bolschewisten zu gelten. Denken Sie sich den braven bürgerlichen Avenarius, der da glaubte, nur in den reifsten Begriffen zu arbeiten, der selbstverständlich vorausgesetzt hat, daß ihn nur Leute verstehen können, welche - nun, sagen wir - anständige Röcke tragen, niemandem in bolschewistischer Weise etwas zuleide tun, kurz, ganz gesittete Menschen sind in dem Sinne, wie man in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren sich «gesittete Menschen» gedacht hat. Nur unter solchen Menschen, hat sich Avenarius vorgestellt, könnte seine Philosophie Anhänger finden. Nun, wenn man erst eingeht auf den Inhalt dieser Avenarius-Philosophie, dann wird man das Faktum, daß Avenarius offizieller Philosoph der Bolschewisten ist, erst recht nicht begreifen. Denn was denkt Avenarius? Er sagt sich: Die Menschen leben unter dem Vorurteil, da drinnen in meinem Kopfe oder in meiner Seele oder wo immer sind subjektiv die Vorstellungen, die Wahrnehmungen; draußen sind die Objekte. Das ist aber nicht richtig. Würde ich allein auf der Welt sein, so würde ich überhaupt gar niemals auf den Unterschied kommen zwischen Objekt und Subjekt. Ich komme auf den Unterschied nur dadurch, daß andere Leute auch noch da sind. Ich würde, wenn ich allein einen Tisch anschaue, gar nicht zu der Idee kommen, meint Avenarius, daß der Tisch da draußen in einem Raum ist und ein Abbild davon in meinem Gehirn, sondern ich würde den Tisch haben und würde nicht unterscheiden zwischen Subjekt und Objekt. Die unterscheide ich nur, weil, wenn ich mit einem andern den Tisch anschaue, ich mir sage, der sieht den Tisch, ich nehme ihn wahr, da ist in meinem Kopf noch diese Wahrnehmung drinnen. Nun überlege ich mir, daß das, was er empfindet, auch ich empfinde. Also innerhalb solcher rein theoretischer Erwägungen - ich will sie Ihnen gar nicht alle vorsetzen, Sie würden sagen, das interessiert uns alles nicht -, innerhalb solcher erkenntnistheoretischer, rein abstrakter Erwägungen bewegt sich Avenarius. Er hat 1876 das Büchelchen geschrieben: «Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes. » Denn aus solchen Voraussetzungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt klargelegt habe, da zeigt er, daß unsere Begriffe, die wir als Menschen haben, überhaupt keinen rechten Wirklichkeitswert haben, sondern daß wir nur Begriffe schaffen zu dem Zwecke, um ökonomisch die Welt zusammenzuhalten. Der Begriff «Löwe» zum Beispiel oder der Begriff, der sich in einem Naturgesetz ausdrückt, ist überhaupt nichts Wirkliches, weist auch nach Avenarius nicht auf etwas Wirkliches hin, sondern es ist unökonomisch, wenn ich im Leben fünf, sechs oder dreißig Löwen gesehen habe und mir alle diese Löwen vorstellen soll; da mache ich die Sache ökonomischer, ich mache mir einen Einzelbegriff, der alle dreißig Löwen zusammenfaßt. Alle Begriffsbildung ist nur eine innere, subjektive Ökonomie.

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Cite: GA 186/1918-12-14/p015 · edition original