Neunter Vortrag
Die marxistisch gefärbten Sozialisten — ich habe Ihnen ja gestern und oft schon auseinandergesetzt, das ist fast das ganze Proletariat der Gegenwart — sagen unter dem Einfluß von Marx: Wirtschaft, wirtschaftliche Gegensätze, Klassengegensätze, die von den wirtschaftlichen Gegensätzen herrühren, die sind die wahre Wirklichkeit, das andere ist ideologischer Überbau. Was der Mensch denkt und dichtet, künstlerisch schafft, was er über den Staat, über das Leben, über alles denkt, das ist nur das Ergebnis der Art und Weise, wie er wirtschaftlich lebt. Aus diesem Grunde sagt ja auch der Proletarier der Gegenwart: Wir brauchen nicht eine allgemeine Nationalversammlung, wenn wir eine Neuordnung herbeiführen wollen, denn da werden wiederum die Bürger drinnen sein und aus ihrem wirtschaftlich determinierten Bürgertum heraus mitreden. Das können wir nicht brauchen. Wir können nur diejenigen brauchen, welche so reden, wie es aus den proletarischen Köpfen kommt, denn das sind heute diejenigen, die die Welt gestalten müssen. Da brauchen wir überhaupt nicht erst Versammlungen einzuberufen, sondern die paar Proletarier, die eben gerade obenauf sind, die üben die Diktatur aus, denn sie haben proletarische Anschauungen, sie werden also das Richtige denken. - Wie Lenin und Trotzki in Rußland, so weist Kar] Liebknecht in Berlin die Nationalversammlung zurück. Er sagt: Das wird ja doch nichts sein als eine neue Auflage der alten Reichs-Schwätzerbande damit meint er den Reichstag.
Cite:
GA 186/1918-12-14/p022 · edition original