Neunter Vortrag
Aber sehen Sie, so ganz ohne weiteres würde auch das natürlich nicht durchgedrungen sein. Aber da kam mir wiederum die wahre Wirklichkeit doch zu Hilfe; gerade weil ich auf die wahre Wirklichkeit ging, kam mir die wahre Wirklichkeit zu Hilfe. Natürlich sind es ja nicht lauter junge Leute, die solchen Zuhörerkreis bilden. Es waren unter ihnen auch solche, die schon proletarisches Denken bis zu einem gewissen Grade aufgenommen hatten, auch solche, die schon mit allen Vorurteilen gespickt waren; leicht sind solche Leute durchaus nicht zu überzeugen, selbst bei Dingen, die ihnen fernliegen. Als ich zum Beispiel einmal über Kunst sprach, wo ich auseinandergesetzt hatte, was Kunst ist und wie Kunst wirkt, schrie plötzlich ganz im Hintergrund eine Dame: Na, und der Verismus, ist der keine Kunst? Also die Leute, die nahmen das nicht so auf Autorität bloß hin. Es handelte sich schon darum, daß man die Wege zu den Leuten fand, nicht etwa durch schlaue Schleichwege, sondern aus dem Wirklichkeits- und Wahrhaftigkeitssinn heraus. Da kam es, daß man sagen mußte, nicht nur sagen konnte, sondern sagen mußte: Ja, aber Ihr seid angefüllt mit solchen Begriffen, die der materialistischen Geschichtsauffassung entsprechen, die da glaubt, daß alles nur von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt und alles geistige Leben nur auf Ideologie beruht, welche die Fata Morgana ist, die sich oben ausbreitet auf Grundlage der wirtschaftlichen Verhältnisse. Und Marx hat es sehr scharfsinnig und geistreich auseinandergesetzt. Aber warum ist das alles geschehen? Warum hat er es auseinandergesetzt, und warum glaubt er es? Weil Marx nur seine unmittelbare Gegenwart gesehen hat und nicht zu älteren Zeiten zurückgegangen ist. Marx legt nur zugrunde die historische Menschheitsentwickelung seit dem sechzehnten Jahrhundert. Da ist es so, daß tatsächlich die Epoche in der Menschheitsentwickelung eingetreten ist, wo das Geistesleben, wenn auch nicht genau so, wie es bei Karl Marx ist, doch auch in einer gewissen Weise über große Teile der Welt hin ein Ausdruck der wirtschaftlichen Verhältnisse wurde. - Der Goetheanismus ist nicht aus dem wirtschaftlichen Leben heraus abzuleiten, aber Goethe wird auch von diesen Leuten als dem wirtschaftlichen Leben fernstehend angesehen. Also man könnte sagen: Der Fehler besteht darin, daß dasjenige, was nur für einen bestimmten Zeitraum, und gerade für den neuesten Zeitraum gilt, verallgemeinert wurde. Und nur die letzten vier Jahrhunderte konnte man verstehen, wenn man sie im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung vortrug.
Cite:
GA 186/1918-12-14/p024 · edition original