Neunter Vortrag
Das andere Beispiel kann angeknüpft werden an einiges, was ich Ihnen gestern sagte. Ich sagte Ihnen, daß charakteristisch ist seit Ricardo, seit Adam Smith und so weiter, daß man bemerkt hat, die wirtschaftliche Ordnung hat zur Folge, daß im menschlichen sozialen Zusammensein menschliche Arbeitskraft verwendet wird, wie Ware auf den Markt gebracht und wie Ware nach Angebot und Nachfrage behandelt wird. Ich habe Ihnen gestern auseinandergesetzt, wie das gerade das Aufregende, der eigentliche Motot ist in der proletarischen Weltanschauung. Wer bloß begriffslogisch denkt, der beobachtet, daß das so ist, und sagt sich: Also müssen wir eine Volkswirtschaftslehre, eine soziale Lehre, eine soziale Lebensanschauung haben, welche mit dem rechnet, welche in der möglichst besten Weise die Frage beantwortet, wie man, weil Arbeitskraft Ware ist, diese Ware Arbeitskraft schützen kann vor Ausbeutung des Menschen. — Die Frage ist falsch gestellt. Sie ist nicht nur aus der Theorie, sie ist aus dem Leben falsch gestellt. Falsche Fragestellung wirkt heute zerstörend, verwüstend, Raubbau treibend. Wenn nicht eine Umkehr stattfindet, wird sie immer mehr Raubbau treibend wirken. Denn hier muß ebenfalls dasjenige, was auf dem Kopf steht, auf die Beine gestellt werden. Es darf nicht gefragt werden: Wie muß man die soziale Struktur machen, damit der Mensch nicht ausgebeutet werden kann, trotzdem seine Arbeitskraft eben als Ware nach Angebot und Nachfrage auf den Markt gebracht wird wie eine andere Ware? Denn das widerspricht einem inneren Impuls der Entwickelung, der sich der Wirklichkeitslogik ergibt; es entspricht jerzerz inneren Impuls, der gar nicht so ausgesprochen wird, der aber eben doch der Wirklichkeit entspricht und der so ausgedrückt werden kann: Noch die griechische Zeit, diese uns so wichtig gewordene griechische Kultur, ist ja nur denkbar dadurch, daß ein großer Teil der griechischen Bevölkerung Sklaven waren. Die Sklaverei ist die Voraussetzung jener Kultur, die für uns so große Bedeutung hat. Aber in der griechischen Kultur war so sehr die Sklaverei Voraussetzung, daß ein so eminent gut denkender Philosoph wie Plato überhaupt für die menschliche Kultur die Sklaverei als das Berechtigte und Notwendige ansah.
Cite:
GA 186/1918-12-14/p027 · edition original