Neunter Vortrag

GA 186/1918-12-14/p028 ·1918-12-14 · original (original)
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Aber die menschliche Entwickelung schreitet fort. Die Sklaverei war im Altertum, und Sie wissen, die Menschheit hat sich aufgelehnt gegen die Sklaverei, instinktiv dagegen aufgelehnt, daß der Mensch verkauft oder gekauft werden kann. Der ganze Mensch kann nicht gekauft oder verkauft werden. Das ist heute ein Axiom, kann man sagen, und wo noch Sklaverei herrscht, betrachtet man das als eine Barbarei. Für Plato ist es keine Barbarei, sondern eine Selbstverständlichkeit, daß es Sklaven gibt. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit wie für jeden Griechen von platonischer Gesinnung, überhaupt für jeden Griechen, der staatsmännisch gedacht hat. Der Sklave hat nicht anders gedacht als: Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß Menschen verkauft werden können, daß Menschen auf den Markt gebracht werden nach Angebot und Nachfrage — natürlich nicht wie die Kühe. Aber das ist ja nur eine Maske, nur kaschiert, denn das ist übergegangen auf die mildere Sklaverei, die Leibeigenschaft. Die hat sehr lange gedauert. Aber auch dagegen hat sich die Menschheit aufgelehnt. Übriggeblieben ist, in unsere Zeit hereinragend, daß zwar nicht der ganze Mensch verkauft werden kann, aber ein Teil des Menschen, die Arbeitskraft. Aber heute lehnt sich der Mensch dagegen auf, daß die Arbeitskraft verkauft wird. Es ist nur die Fortsetzung der Ablehnung der Sklaverei, was gefordert wird in der Ablehnung der Kaufbarkeit und Verkaufbarkeit der Arbeitskraft. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung die Opposition sich dagegen erhebt, daß Arbeitskraft als Ware gilt, und als Ware in der sozialen Struktur funktioniert. Die Frage kann also nicht so gestellt werden: Wie kann der Mensch vor der Ausbeutung geschützt werden? - wenn man von der axiomatischen Voraussetzung ausgeht, Arbeitskraft ist Ware, so wie es seit Ricardo, seit Adam Smith und anderen üblich geworden ist, und wie es eigentlich Karl Marx und auch die ganze proletarische Lebensauffassung betrachtet. Denn das betrachtet man schon als-ein Axiom, daß Arbeitskraft Ware ist. Aber man will, trotzdem sie Ware ist, sie nur vor Ausbeutung bewahren, respektive den Arbeiter vor Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Das ganze Denken bewegt sich so, daß mehr oder weniger instinktiv oder auch nicht instinktiv, wie bei Marx selber, dieses als Axiom angenommen wird, namentlich bei dem gewöhnlichen Dutzend von Volkswirtschaftslehrern, wie sie eben an den Fakultäten tätig sind; da gilt das als Axiom, daß Arbeitskraft gleich zu behandeln ist der Ware.

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Cite: GA 186/1918-12-14/p028 · edition original