Neunter Vortrag

GA 186/1918-12-14/p029 ·1918-12-14 · original (original)
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Ja, in solchen Dingen herrschen heute überhaupt lauter Vorurteile, und die Vorurteile werden gestaltend. Vorurteile sind ja ganz furchtbar gerade auf diesem Gebiete. Ich weiß nicht, wie viele vielleicht sogar hier unter Ihnen sein werden, die es als eine Zumutung betrachten, daß der Mensch sich mit diesen Dingen beschäftigen soll, daß man diese Dinge betrachten soll. Aber man kann ja das ganze Leben nicht betrachten, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Man läßt sich alles mögliche vormachen, wenn man über diese Dinge nicht nachdenken kann. Die letzten vier Jahre haben alle diese Dinge anschaulich bewiesen. Was haben diese letzten vier Jahre nicht alles gebracht! Man konnte da die kuriosesten Dinge erleben. Ich will Ihnen als Beispiel nur eines sagen. Wenn man immer wieder hinauskam nach Deutschland - und anderswo war es ja nicht anders -, da erlebte man: Alle Augenblicke war etwas Neues, was neue Anleitung zum Patriotismus war. Gerade als wir das letztemal nach Deutschland zurückkamen, da war zum Beispiel wieder so ein neues patriotisches Schlagwort für den bargeldlosen Verkehr aufgekommen: Man sollte nicht mehr mit Bargeld bezahlen, sondern den Scheckverkehr fördern, also möglichst nicht Geld zirkulieren lassen, sondern Schecks. Da wurde den Leuten gesagt, das sei besonders patriotisch, bargeldlosen Verkehr zu fördern, denn das sei notwendig, wie man meinte, um den Krieg zu gewinnen. Niemand ist darauf gekommen, daß es der platte Unsinn ist, wenn man es so sagt. Aber es wurde ja nicht bloß gesagt, es wurde auch wirklich propagiert, und die Leute richteten sich danach, die unglaublichsten Leute richteten sich danach — Leute, von denen man annehmen müßte, weil sie Werke leiteten, weil sie Industrieunternehmungen leiteten, sie verständen irgend etwas von der Volkswirtschaft! Sie behaupteten: Bargeldloser Verkehr, das ist patriotisch! - Nur unter einer Voraussetzung wäre der bargeldlose Verkehr patriotisch: Wenn man jedes Mal ausrechnen würde, wieviel Zeit man erspart durch den bargeldlosen Verkehr; was ja nur gewisse Leute können, die meisten können das ja nicht. Diese Zeit müßten sie zusammenaddieren und dann müßten sie hergehen und müßten sagen: Ja, ich habe durch den bargeldlosen Verkehr so und so viel Zeit erspart, bitte, verwenden Sie mich nun zu dem und dem, ich will dafür die und die Arbeit leisten. Nur dann wäre es eine wirkliche Ersparnis. Das haben aber die Leute nicht getan, auch gar nicht daran gedacht, daß es nur unter dieser Voraussetzung volkswirtschaftlich patriotische Bedeutung haben könnte. Und solches Zeug ist ja in den letzten viereinhalb Jahren, weil alles in Umschwung kam, in der fürchterlichsten Weise geredet worden. Die unglaublichsten Dilettantismen sind realisiert worden. Unmöglichkeiten sind Wirklichkeiten geworden, weil die Leute, auch diejenigen, die es angeordnet haben, gar nicht wissen, welche Zusammenhänge auf diesem Gebiete in der Wirklichkeit vorhanden sind.

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Cite: GA 186/1918-12-14/p029 · edition original