Erster Vortrag

GA 188/1919-01-03/p006 ·1919-01-03 · original (original)
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Ich will bei der heutigen Betrachtung von einem Beispiel ausgehen, das mir, man kann sagen zufällig - wenn man das Wort nicht mißversteht, und wir brauchen es nicht mißzuverstehen - in die Hände gekommen ist; ein Aufsatz, der allerdings insofern heute veraltet ist, als er geschrieben wurde, während der sogenannte Krieg noch in vollem Gange war. Also der Aufsatz ist heute veraltet. Er ist auch sonst nicht gerade eindringlich, da er die meisten Dinge, die er bespricht, sehr einseitig behandelt. Allein er rührt doch her von einem Menschen das sieht man nach der ganzen Haltung, nach der ganzen Schreibweise -, der sich die ernstesten Gedanken darüber macht, was nun eigentlich geschehen soll, was die Welt von den Ereignissen zu erwarten hat. Er stellt dar, dieser Aufsatz, wie sich die Westmächte, die Mittelmächte, die Ostmächte allmählich verhalten haben innerhalb der Katastrophe der letzten Jahre. Er stellt die großen Gefahren, wenn auch einseitig, aber doch immerhin dar, die aus dieser Katastrophe heraus heute lauern und in die Zukunft hineinlauern werden. Der Verfasser hat einen gewissen Weltblick. Er betrachtet die Welt nicht nur vom Gesichtspunkt der Landesgrenzen; auch das soll ja unter den heutigen Menschen noch vorkommen, daß sie die Welt nur vom Gesichtspunkt ihrer Landesgrenzen betrachten, und wenn sie sich dann beruhigen können, daß innerhalb ihres Landes das oder jenes noch nicht stattfindet, dann sind sie unbesorgt. Der Verfasser dieses Aufsatzes sieht immerhin nicht nur den Umkreis des Kitchturmes, sondern er sieht doch etwas von der Weltperspektive. Und seine Gedanken zusammenfassend, kommt er zu einem sehr merkwürdigen Satze. Er sagt: «Daß ein furchtbares Schicksal der weißen Menschheit winkt; dies scheint mir unter allen Umständen gewiß, es sei denn, daß eine Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die der Leidenschaft und Wahnvorstellungen ablöst. Wir leben in der Tat seit lange schon in der Periode, die mit der Völkerwanderungszeit viel Ähnlichkeit hat. Das Tempo wird durch den Weltkrieg ungeheuer beschleunigt. Was den damals von außen in altes Kulturland einwandernden Germanenstämmen entspricht, sind die beträchtlichen, aufsteigenden unteren Volksschichten, die sowohl dem Blut wie dem Kulturerbe nach von den bisher herrschenden sehr verschieden sind. Daß diese Völkerwanderung» - es ist in der Tat viel besser, von einer Völkerwanderung als von einem Kriege zu sprechen - «überhaupt stattfindet, ist gut insofern, als sie Verbreitung bedingt, eine Verbreitung der Kulturbasis und eine Hebung vom Gesamtniveau. Sehr gefährlich aber ist es, wenn sie zu schnell verläuft. Und diese Gefahr wird vergrößert, je länger der Weltkrieg dauert.»

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Cite: GA 188/1919-01-03/p006 · edition original