Erster Vortrag
Ein Punkt wird Ihnen in dieser gut geschulten katholischen philosophischen Literatur immer entgegentreten, ein Punkt, der auch ungemein viel Blendendes für den heutigen Denker hat; das ist der, der immer in Betracht kommt, wenn die Leute zu sprechen kommen auf den Unterschied des Menschen vom Tiere. Nicht wahr, die gewöhnlichen Haeckel-Leser und Haeckel-Bekenner, die werden ja immer darauf ausgehen, den Unterschied des Menschen vom Tier möglichst zu verwischen, möglichst den Glauben zu erwecken, daß der Mensch im ganzen nur ein gewissermaßen höher ausgebildetes Tier ist. Das tun die katholischen Gelehrten nicht, sondern sie heben immer etwas hervor, was ihnen als radikaler Unterschied erscheint zwischen dem Menschen und dem Tiere. Sie heben hervor, daß das Tier bei der gewöhnlichen Anschauung bleibt, die es gewinnt von dem Gegenstand, den es jetzt beriecht, von dem nächsten Gegenstand, den es dann beriecht oder beschaut und so weiter; daß das Tier gewissermaßen immer nur in einzelnen individuellen Vorstellungen bleibt, während der Mensch die Fähigkeit hat, abgezogene, abstrakte Begriffe sich zu bilden, die Dinge zusammenzufassen. Das ist in der Tat ein radikaler Unterschied, weil der Mensch, wenn man die Sache so auffaßt, dadurch sich wirklich radikal vom Tier unterscheidet. Das Tier, das nur die Einzelheiten ins Auge faßt, kann nicht in sich die Geistigkeit ausbilden, weil ja die abstrakten Begriffe in der Geistigkeit leben müssen. Und dadurch muß man dazu kommen, anzuerkennen, daß im Menschen diese besondere Seele lebt, die eben die abstrakten Begriffe bildet, während das Tier mit seiner besonderen Art des Innenlebens diese abstrakten Begriffe nicht bilden kann.
Cite:
GA 188/1919-01-03/p012 · edition original