Erster Vortrag

GA 188/1919-01-03/p013 ·1919-01-03 · original (original)
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Wer auf diesen Punkt hin die entsprechenden katholischen Auseinandersetzungen ins Auge faßt, der sagt sich: Das ist etwas ungeheuer Bedeutsames, daß durch gute philosophische Schulung auf diesen entscheidenden, radikal entscheidenden Punkt in dem Unterschied zwischen Mensch und Tier richtig hingewiesen werden kann. Die Menschen würdigen in der Gegenwart gar nicht die Tragweite einer solchen Sache. Als zum Beispiel der Rummel dazumal losgegangen war, den Drews veranstaltet hat, diese Auseinandersetzung, ob Jesus gelebt hat oder nicht, als damals in Berlin eine große Versammlung abgehalten worden ist, wo alle möglichen und unmöglichen Leute geredet haben über das Problem: Hat Jesus gelebt? — da hat auch der katholische Theologe Wasmann darüber gesprochen, und er konnte natürlich nur Dinge sagen, die die andern als sehr rückständig betrachtet haben. Aber trotzdem dazumal eigentlich die Koryphäen, namentlich der Berliner protestantischen Theologie, geredet haben, so sind mir im Grunde genommen in den damaligen Reden doch als wirklich auf einem etwas besseren Niveau - nicht auf dem Gegenwartsniveau, aber einem etwas besseren Niveau - zwei Aussprüche beziehungsweise die Unterlagen dieser Aussprüche erschienen. Das eine war eine Ausführung, die ein — ich will damit gar nichts Schlimmes sagen, sondern eigentlich den Mann loben — gelehrter Bummler allerersten Ranges dazumal losgelassen hat. Ich glaube ihn nicht besser loben zu können, als indem ich ihn einen gelehrten Bummler allerersten Ranges nenne. Der Mann hätte nämlich durch seinen Scharfsinn und durch seine eigenartigen Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten, durch ein großes Wissen viel leisten können. Schon damals, als ich mit ihm verkehrte — das ist achtzehn, neunzehn Jahre her -, hatte er schon seit fünfzehn Jahren, glaube ich, an einer Revision der Logik geschrieben, und ich glaube, er muß auch seither noch daran schreiben, denn diese Revision der Logik ist mir mittlerweile nicht zu Gesicht gekommen. Er hat dazumal schon gesagt, was ganz richtig ist: die Menschen seien eigentlich ganz fürchterlich in der Gegenwart, sie seien nämlich dann ganz fürchterlich, wenn sie zu denken anfangen, denn man brauche nur zwei, drei Sätze, sei es in einem wissenschaftlichen oder in einem unwissenschaftlichen Gespräch heute zu hören, um zu beobachten, wie gleich die furchtbarste Unlogik einsetzt. Das, meinte er, was die Menschen beobachten müßten, damit sie nicht in die grauslichsten Wahnvorstellungen kommen, die heute gang und gäbe sind, das ließe sich auf eine Quartseite aufschreiben, man brauche nur diese Quartseite wirklich zu berücksichtigen. Ich weiß ja nicht, ob er diese Quattseite als Revision der Logik zustande bringen will; wie gesagt, dazumal waren es schon fünfzehn Jahre, seither sind noch achtzehn, neunzehn Jahre verflossen, ich weiß nicht, wie weit er jetzt ist mit dieser Revision der Logik. Aber ich will ihn also loben, indem ich ihn einen geistreichen, geistvollen Bummelanten nenne, weil ich damit andeuten will, daß er, wenn er nicht ein geistreicher Bummelant wäre, furchtbar viel leisten könnte. Der hat dazumal etwas sehr Schönes gesagt, er hat nämlich gesagt: Ja, die katholische Kirche mußte eines Tages hören, daß die Kometen, die ja aus Kern und Schwanz bestehen, Himmelskörper wie die andern sind und nach Gesetzen sich bewegen, wie die andern Himmelskörper auch. Als nun gar nicht mehr geleugnet werden konnte, nach den Dingen, die da einmal vorlagen, daß die Kometen auch solche Himmelskörper seien wie die andern, da entschloß sich die katholische Kirche zuzugeben, daß man auf die Kometen auch die übrigen Himmelsbahngesetze anwende; aber sie gab es zunächst nur mit Bezug auf den Kern, noch nicht mit Bezug auf den Schwanz zu. - Nun, er wollte damit symbolisch nur ausdrükken, daß die katholische Kirche in der Regel nur geneigt ist, das Notwendigste zuzugeben, wie sie ja 1827 erst die kopernikanische Weltanschauung für ihre Bekenner erlaubt hat; daß sie aber selbst dann, wenn sie das Notwendigste zugeben muß, wenigstens noch den Schwanz von der Sache zurückbehält! Das ist eine Bemerkung, von der ich fand, daß sie eigentlich ganz gut die Situation charakterisierte.

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